Öfter mal was Neues!

Quasi fast pünktlich zum neuen Monat und zum Frühlingsanfang (gebt es zu, ich bin nur ein paar Tage zu spät dran), stelle ich euch heute eine neue Kategorie auf meinem Blog vor: „Drei auf einen Streich“.  Und ja, ich bin mir sicher, dass schon irgendwer irgendwo auf die selbe Idee gekommen ist, aber da ich nicht weiß wer und wann und wo, so hoffe ich, dass sich heute ausnahmsweise mal niemand auf den Schlips getreten fühlt.😉

Bevor ich mit der neuen Idee durchstarte, möchte ich euch kurz erklären, was ich damit eigentlich meine. Im Prinzip ist das ganz einfach: Ich lese einfach zu viele Bücher und manchmal ist es gar nicht so einfach eine Rezension zu einem Buch zu verfassen – entweder weil es eigentlich zuviel zu sagen gibt oder zu wenig oder weil es sich einfach anbietet manche Bücher gemeinsam zu besprechen … wie dem auch sei. Bei meiner neuen Kategorie werde ich thematisch ähnliche Bücher vorstellen, bei Bedarf ein bisschen was zum Thema an sich sagen und mir damit die Möglichkeit geben einfach mehr Raum für Bücher zu schaffen – hoffentlich auch in eurem Interesse. Beginnen möchte ich mit einem nicht ganz einfachen Thema das mir sehr am Herzen liegt.

Thema: Gewalt an Schulen

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Gewalt an Schulen ist ein großes, ein ernstes Thema, das uns alle angeht. Damit meine ich aber nicht allein die körperliche, sondern vor allem die psychische Gewalt. Trotz aller Brisanz und dem Wissen um die Folgen solchen Handelns, ist es leider auch ein Thema, das immer noch zu wenig und oft falsch thematisiert wird.
Natürlich, es wird nach jedem schlimmeren Vorfall – Suizid, Amoklauf, etc. – darüber in den Medien berichtet, es werden Schuldige gesucht und der schwarze Peter im Kreis gereicht: Ballerspiele, überfürsorgliche oder vernachlässigende Eltern und das ominöse Mobbing. Gerade letzter Punkt kommt aber meistens viel zu kurz. Denn, seien wir Mal ehrlich – es dürfte eigentlich jedem halbwegs vernünftigen Menschen klar sein, dass weder die Ballerspiele, noch die Eltern, noch das Mobbing allein der Auslöser sind, sondern das viele Faktoren zusammenspielen und es DEN Schuldigen einfach nicht gibt.
Natürlich wird in den Schulen darüber geredet. Es heißt:  Mobbing ist böse, man darf niemanden ausschließen, weil das gemein ist und Gewalt ist keine Lösung. Und dann? Glaubt irgendjemand, dass das wirklich hilft?
Es bringt nichts solche Themen nur theoretisch anzuschneiden. Man muss – vor allem bei akuten Fällen – Schüler und Eltern konkret ansprechen, Lösungen suchen, einen Weg finden. Hinsehen muss die Devise lauten: Hinsehen, nicht wegsehen. (Ich habe mir sagen lassen, dass aktuell an Schulen viel zum Thema gemacht wird, dass es spezielle Tage zur Stärkung der Gemeinschaft etc. gibt. Ich kann hier nur aus persönlicher Erfahrung sprechen und sagen: Zu meiner Zeit war das nicht der Fall, da wurde lieber weggesehen und im Zweifel war das Opfer selbst schuld an seiner Situation.)
Vor allem aber muss man jenen Unterdrückern die Folgen ihres Handelns klar machen, ihnen aufzeigen was sie ihren Opfern antun. Denn manch einer handelt nicht aus Bosheit, sondern aus purer Unwissenheit. Die Masse schweigt aus Angst selbst selbst zum Opfer zu werden. Dabei wäre es doch so einfach Stellung zu beziehen und sich gemeinsam stark zu machen. Literatur war schon immer eine Möglichkeit um Menschen einen Gegenstand, eine Sache näher zu bringen, die sie sonst vielleicht nicht begreifen oder erkennen können.
Drei unterschiedliche Bücher zum Thema „Gewalt an Schulen“ habe ich in letzter Zeit gelesen, drei Bücher die sich vor allem mit den Konsequenzen der Gewalt auseinandersetzen. Drei lesenswerte Bücher, die ein wichtiges Thema behandeln und sich stark damit auseinandersetzen, die aber alle ihre Stärken und Schwächen haben.

Drei Bücher – ein Thema

Der Tag wird kommen

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Hans-Petter hat es nicht leicht: Andreas, der Rowdy der Schule, hat ihn auf der Abschussliste und macht ihm das Leben zur Hölle. Demütigungen und Prügel gehören zum Alltag. Seinen Eltern leben getrennt und seiner Mutter will er sich nicht anvertrauen, aus Angst alles noch schlimmer zu machen. Die Freizeit verbringt er am Liebsten allein am Computer. Aber tief in seinem inneren weiß er, dass seine Zeit noch kommen wird. Irgendwann wird er es allen zeigen und bis dahin muss er nur überleben.

Kritik
Die Bewertung dieses Buches ist nicht einfach: Einerseits eine großartiges Idee, eine in weiten Teilen interessante und vor allem unerwartete Umsetzung eines brisanten Themas und andererseits ein derart unsympathischer Protagonist, dass man das Verhalten seiner Mitschüler fast nachvollziehen kann. Gerade für ein Buch, das ein Opfer von Gewalt als Hauptfigur hat, wäre es aber doch von Vorteil, wenn man sich in den Charakter hineinversetzen könnte. Aber Hans-Petter wirkt eingebildet, so von sich selbst überzeugt, dass es einen nur wundern kann, dass er sich überhaupt derart unterdrücken lässt, statt sich zu wehren. Zudem hält er sich für überaus klug, ist angeblich sogar hochbegabt, verhält sich aber eigentlich wie ein riesiger Idiot – und das ist nun wirklich nicht nur dem Alter geschuldet.
Schade ist auch, dass die Geschichte hauptsächlich außerhalb der Schule spielt und so Hans-Petters Qualen kaum zum Ausdruck kommen. Vielleicht hätte ein etwas tieferer Einblick in seinen Schulalltag es vermocht mehr Sympathien zu wecken. Hin und wieder schafft es die Autorin dann aber doch dem Leser ein wenig Einblick in sein Seelenleben zur gewähren und ihn in einem anderen, traurigen, tragischen Licht erscheinen zu lassen, was nicht nur gut, sondern sehr nötig war um die Geschichte zu tragen.
Trotzdem habe ich das Buch gerne und sehr schnell gelesen, da es – trotz dieses wirklich schwer zu verstehenden Protagonisten – sehr eingängig geschrieben ist und sich leicht weglesen lässt. Außerdem ist die Umsetzung des Themas, die Handlung des Buches so faszinierend, dass man gar nicht anders kann als herauszufinden, was dahinter steckt. Das Ende hingegen lässt einen nachdenklich, sprachlos, wütend und seltsam unbefriedigt zurück. Und das schadet dem Buch nicht – im Gegenteil. Gerade das macht seinen Reiz aus. Die große Frage nach dem „Was wäre wenn?“

„Den Schulhof zu überqueren, ist immer gefährlich. […] Ich wähle den kürzesten Weg, quer durch das dichteste Gewühl. Versuche, mich schnell zwischen den Cliquen durchzuschlängeln, ohne aufzufallen. 
Ich bin mittlerweile ein bisschen paranoid. Wenn irgendwo gelacht wird, versuche ich herauszufinden ob sie über mich lachen.“ (Seite 50)

Fazit
Eine etwas andere Art sich dem Thema „Mobbing“ zu nähern. Auch wenn einem der Protagonist über weite Teile der Geschichte seltsam fremd, wenn nicht gar unsympathisch, erscheint, ist es ein Buch, das man lesen sollte. Die Herangehensweise ist ungewöhnlich und die Kernfrage des Romans eine sehr wichtige, die sich im Nachhinein wohl jeder stellt und jeder für sich selbst beantworten muss. Ein Buch, das nachdenklich zurück lässt, wenn auch auf ganz andere Weise als man das vor dem Lesen erwartet.

Und mein ernst gemeinter Rat: Lest den Klappentext nicht. Ich weiß nicht WER den verfasst hat, aber mit dem Buch hat er so gut wie gar nichts tun.

Es wird keine Helden geben

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Du erlebst einen Amoklauf an deiner Schule, du siehst deine Mitschüler sterben, du siehst deinen Freund sterben, du blickst in den Lauf der Waffe als der Schütze vor dir steht. Du kennst ihn und du hast ihn nie gemocht. Du blickst dem Tod ins Auge und dann ertônt ein Schuss. Du siehst auch den Amokläufer sterben. Doch damit ist es nicht vorbei. Damit fängt alles erst an … Denn am Ende bleibt nichts außer der Frage: Bist du schuld?
Kritik
Kurze, fast abgehackte Sätze ziehen den Leser schnell und umkompliziert in die Story. Der Anfang ist spannend, rasant und absolut schockierend und auch das Seelenleben der Protagonistin Miriam ist auf den ersten Seiten, vor allem in der ersten Zeit nach dem Amoklauf wunderbar dargestellt. Das junge Alter der Autorin trägt natürlich dazu bei, dass sie das Gefühlsleben der Teenager und den Alltag gut einfangen kann.
Aber nach einer Weile flacht die Spannung ab, es wird zuviel wiederholt, die immer gleichen Gefühle der Protagonistin werden immer wieder durchgekaut, sie versinkt in ihrem Selbstmitleid, statt den Blick auch mal auf andere  zu richten. Sie erwartet, dass jeder sie und ihre Situation versteht, aber sie ist nicht bereit irgendwem etwas zurückzugeben. Im gesamten ist die Aufarbeitung dieser Ausnahmesituation gut gemacht, die Suche zurück in ein normales Leben, aber man hätte doch den Part der Miriam durchaus etwas reduzieren können und statt dessen z.B. auf den Alltag vor dem Vorfall näher eingehen können.
Auch auf Matis, das Opfer und späterer Täter, wird kaum ein Blick gelenkt. Es werden zwar ein paar Situationen geschildert in denen Matis gehänselt wird, aber im Prinzip wird dieser Punkt kaum beachtet. Verglichen mit der sich im Selbstmitleid suhlenden, durch Egoismus gekennzeichneten Miriam geht er völlig unter. Schade, dass gerade der Schüler, der schon zu Lebzeiten keine Beachtung gefunden hat, auch nach seinem Tod so wenig Aufmerksamkeit bekommt.
„Am Ende machen sich diejenigen Vorwürfe, die immer versucht haben gut und richtig zu handeln, und die, die gemein und egoistisch waren, leben bis zur letzten Sekunde glücklich.“ (Seite 137)
Fazit
„Es wird keine Helden geben“ ist insgesamt ein überzeugendes Debüt einer talentierten Jungautorin und ein Buch, das mich berührt hat. Eine sehr harte, sehr wahre Geschichte, die sich aber einen Tick zu wenig mit dem Amokläufer und dem Auslöser der Tat beschäftigt und zu sehr mit dem Seelenleben der Protagonistin, und zwar nicht mit der Aufarbeitung ihrer Schuld, wie man es hoffen könnte, sondern vor allem mit ihrem Selbstmitleid. Trotzdem ein bewegendes Buch, in dem viel Wahrheit steckt und das man lesen sollte.

Rüdiger Bertram – Die Liga der Guten

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Jan, Mats und Andy sind Freund, aber nicht weil sie sich unbedingt mögen, sondern weil sie -als die Kleinsten der Jahrgangsstufe – gemobbt und verprügelt werden und die Chance geringer ist, zum Ziel des Spotts zu werden, wenn noch zwei andere potentielle Opfer in der Nähe sind. Bis zu jener Ohrfeige, jenem schicksalhaften Tag als Jan sich entschließt, nicht mehr alles hinzunehmen, sondern aufzustehen und zu rebellieren.

Kritik
Rüdiger Bertram ist mit diesem Buch eine grandiose Geschichte gelungen. Eine Konsequente Umsetzung der Idee: „Was passiert, wenn ein unterdrückter Schüler nicht mehr das Opfer sein will, wenn er ein Ideal hat und das kompromisslos und ohne Rücksicht auf Verluste verfolgt?“. Eindringlich erzählt er aus der Sicht des Schülers Mats von jener Ohrfeige, von Jans Verhalten danach, von der Gründung der „Liga der Guten“ und allem was dann passiert. Er erzählt davon ,was geschieht, wenn der Unterdrückte plötzlich mächtig wird. Er erzählt von Gefühlen, von Liebe und Freundschaft, von der Angst ausgeschlossen zu werden und davon, was man bereit ist zu tun, um dazuzugehören.

Aber er schildert auch sehr authentisch die Situation auf dem Schulhof, wenn Schüler und Lehrer wegsehen, während die größeren Schüler auf den kleineren herumtrampeln. Wenn im Prinzip alle nur froh sind, dass sie selbst nicht zu den Opfern zählen, sondern – wenn schon nicht im Mittelpunkt stehend – doch zumindest in Ruhe gelassen werden. Vor allem die Täter-Opfer Beziehungen werden hier etwas deutlicher aufgezeigt, die Gründe, warum einer auf der sozialen Leiter der Schulordnung ganz unten, ein anderer ganz oben stehen kann und die traurige Wahrheit, dass eben die meisten einfach nur wegsehen, statt einzugreifen obwohl sie selbst nicht aktiv an der psychischen und physischen Gewalt gegen andere beteiligt sind, machen sie  sie sich schuldig.

„Einen Roman, den ich mir ausgeliehen hatte und in dem es auch um einen Jungen ging, für den der Sportunterricht eine einzige Qual ist, weil er immer als Letzter in eine Mannschaft gewählt wird. Das ist ja schon in ganz vielen Büchern beschrieben worden. Dazu brauche ich gar nichts mehr zu sagen, denn entweder man kennt das Gefühl, weil es einem in jeder lausigen Sportstunde ganz genauso er- geht, oder man kennt es nicht. Dann kapiert man auch nicht, wie übel sich das anfühlt – auch wenn einem das anschließende Spiel völlig am Arsch vorbeigeht.“ (Seite 18) 

Fazit
Ein großartiges Buch, dass zumindest am Anfang das Gefühlsleben eines Mobbing-Opfers in den Vordergrund stellt und auch im Verlauf der Geschichte immer wieder das mangelnde Selbstbewusstsein eines solchen Kindes thematisiert. Mir wurden nur ein paar Klischees zuviel bedient, so stammt z.B. die Opfer aus schwierigen Familienverhältnissen, während der Schlägertyp ein Sohn aus reichem Haus ist, der Vater Anwalt, also wohl ein Junge, der noch nie gelernt hat die Konsequenzen seines Handelns zu tragen, da Papi normalerweise alles regelt. Sicherlich ist das – neben den sozial am schwächsten gestellten Mitgliedern der Gesellschaft – eine zur Unterdrückung anderer prädestinierte Gruppe, aber im großen und ganzen sind es doch oft auch gerade die unauffälligen Schüler, die andere demütigen. Solche, denen man das gar nicht zutrauen würde. Aber egal wie man es dreht und wendet: Am Ende bleibt die Frage „Was ist gut und was ist böse?“ und die Erkenntnis, dass es darauf keine einfache Antwort gibt.

Gesamtfazit

In allen drei Büchern sind die Folgen des Mobbings gut und durchdacht dargestellt, die Gewalt selbst aber kommt zu kurz. Jemand der gemobbt wurde begreift auch nach und mit wenigen Sätzen wie sich die Opfer fühlen müssen, weil er es selbst oft genug erlebt hat. Aber jemand der andere quält, der kann diese Gefühle nicht nachvollziehen. Den werden ein paar, wenn auch wahre und gut gewählte Sätze, nicht berühren können. Bleibt zu hoffen, dass die anschaulich beschriebenen Folgen den ein oder anderen zum Umdenken oder nachdenken bringen, wenn man ihm vor der Lektüre der Bücher klar macht, was er da tut. Alles in allem drei Bücher deren Schwächen ich aufzeigen wollte, die aber dennoch lesenswert sind und jedes auf seine Weise zum Nachdenken und Innehalten anregt. Vor allem darüber, wie wir unseren Mitmenschen oft begegnen und wie wir ihnen eigentlich begegnen sollten.

Natürlich gibt es noch viel, viel mehr Bücher zu diesem Thema und das ein oder andere steht auch noch auf meiner persönlichen Leseliste (ein Dank hier an Arndt von Literatwo, der mich immer wieder auf wunderbare Bücher aufmerksam macht)

Nina Vogt-Østli – Der Tag wird kommen
erschienen, 2014 im Coppenrath Verlag
240 Seiten
14,95 € (Hardcover)
ISBN 978-3-649-61386-2

Anna Seidl – Es wird keine Helden geben
erschienen, 2014 im Oetinger Verlag
252 Seiten
14,95 € (Hardcover)
ISBN 978-3-789-14746-3

Rüdiger Bertram – Die Liga der Guten
erschienen, 2013 im Rowohlt Verlag
208 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)
ISBN  978-3-499-21506-3