Lesung mit Simon Beckett

Günter Krail und Simon Beckett im Gespräch

Günter Keil und Simon Beckett im Gespräch

Am 8.März 2014 war es wieder einmal so weit. Zum 12. Mal fiel der Startschuss für das Münchner Krimifestival und wie jedes Jahr dürfen wir uns auf hochkarätige Autoren und mörderisch gute Unterhaltung an vielen verschiedenen Tatorten freuen. Dieses Mal hatte Simon Beckett die Ehre das, mittlerweile auch international sehr angesehene, Festival zu eröffnen. Nach einer Begrüßung der Besucher und Ehrengäste – die Lesung fand quasi unter Polizeischutz statt – durch Sabine Thomas durfte auch Stadtrat Klaus-Peter Rupp noch ein paar gut gewählte Worte zum Thema sagen und äußerte sich wohlwollend über die Entwicklung und das breite Spektrum des Kriminalromans: vom beschaulichen Regionalkrimi bis hin zur Schlachthausprosa. Ich denke, es besteht kaum eine Gefahr, dass der Krimi wieder in die „Schmuddelecke“ gedrängt wird, in der er bis vor ein paar Jahren noch sein Dasein fristen musste.

Nachdem auch der Hausherr selbst ein paar lobende Worte über die BMW Welt und das Krimifestival an sich geäußert hatte, ging es dann auch endlich los.  Unter großem Applaus wurden  Bestsellerautor Simon Beckett, Günter Keil, der Moderator der uns durch den Abend führen sollte und der Schauspieler und Sprecher Hans Jürgen Stockerl empfangen.

Das Auditorium in der BMW  Welt

Sabine Thomas /Foto: Jasmin Krieger

Sabine Thomas /Foto: Jasmin Krieger

Da dies gestern mein erster Besuch in der BMW Welt war, möchte ich es nicht versäumen, auch über die Location noch ein paar Worte zu verlieren. Im Prinzip ist es ein toller Veranstaltungsort, ein schnörkelloser, großer Raum, der ausreichend Platz für viele Menschen bietet und durch den leichten Anstieg der Sitzreihen für alle Besucher einen guten Blick auf die Bühne garantiert. Wir hatten das Glück, in der zweiten Reihe – direkt hinter den Ehrengästen und der Presse – sitzen zu dürfen und waren somit hautnah dran. (An dieser Stelle ein großer Dank an Jasmin und Stefanie, die schon früh genug da waren und mir den Platz freigehalten haben.)

Das einzige Manko: Es war viel zu hell. Solange der Moderator mit dem Autor gesprochen hat war die relative Helligkeit im Zuschauerraum nicht störend, aber während der insgesamt 3 Lesungen empfand ich die Menge an Licht als sehr irritierend. Da kann man ja vielleicht noch nachbessern.🙂

Viele Fragen, viele Antworten

Jetzt wollen wir aber endlich zum wichtigen Teil des Abends kommen: Mr. Simon Beckett, der nicht nur erstaunlich schüchtern und zurückhaltend, sondern auch sehr bescheiden wirkt, für einen Erfolgsautor. Günter Keil verlor nur wenig Zeit mit Geplänkel und stieg direkt ein. Schließlich wollten wir alle wissen, warum seit der Veröffentlichung des letzten David Hunter Romans (Verwesung) so viel Zeit vergangen ist – es liegen immerhin drei Jahre zwischen den beiden Büchern. Simon antwortete ehrlich und direkt, dass er zu seinem Leidwesen ein eher langsamer Schreiber ist, der zwar gerne – wie aktuell üblich – ein Buch im Jahr schaffen würde, dieses Tempo aber leider nicht mithalten kann. Es ist ihm wichtiger mit seinem Werk am Ende wirklich zufrieden zu sein und den Leser – hoffentlich – begeistern zu können, statt am Fließband zu produzieren. Sehr löblich, wie ich finde und ein Grundsatz den sich manch einer zu Herzen nehmen sollte.

Impressionen

Impressionen

Zudem hat er längere Zeit versucht den fünften Fall mit David Hunter zu schreiben, hat Ideen gesammelt, begonnen die Handlung zu entwickeln. Jedoch drängte sich ihm während dieses Schreibprozesses immer mehr eine Geschichte auf, deren Idee er schon seit Jahren im Kopf hatte. Und irgendwann beschloss er, dass es an der Zeit wäre jetzt diese Geschichte zu Papier zu bringen. Der Hof. Es war keine leichte Entscheidung David Hunter erstmal beiseite zu legen, aber – wie ich finde – eine gute. Und zur Beruhigung aller Hunter Fans: Simon Beckett schreibt aktuell an Teil Fünf, es kann als höchstens noch 3 Jahre dauern, bis er erscheint. Der Autor hofft natürlich, dass er seine Leser nicht mehr so lang auf die Folter spannen muss.🙂

„Der Hof“ ist ein klassischer Stand-Alone, ein Buch, welches für sich gelesen werden kann und in keinerlei Zusammenhang mit anderen Werken steht. Natürlich sind auch die Hunter-Romane in sich abgeschlossen und können theoretisch eigenständig gelesen werden, aber dennoch ist es sinnvoll sich an die Reihenfolge zu halten, da der Protagonist eine beständige Entwicklung erfährt. Neben der offensichtlichen Ermittungsebene gibt es auch die unterschwellige Handlungsebene, die sich mit dem Protagonisten und seiner Geschichte beschäftigt. Für den Autor ist so etwas definitiv viel Arbeit, da er es nach Möglichkeit vermeiden sollte sich selbst zu widersprechen, Fakten zu verwechseln oder den Protagonisten entgegen seiner Charakterisierung handeln zu lassen. Dahingegen empfindet Simon Beckett es erfrischend, einen Roman zu schreiben, bei dem er nicht an eine bestimmte Figur gebunden ist. Allerdings bedeutet es natürlich auch mehr Arbeit, wenn alle Zutaten des Buches erst neu entwickelt werden müssen.

Der Hof  –  oder das Dorf?

Kleine Fehler machen sympathisch. :)

Kleine Fehler machen sympathisch.🙂

Direkt im Anschluss an das Gespräch zwischen Keil und Beckett erfolgte der erste Lesungsteil. Zum Buch selbst möchte ich hier nicht zu viele Worte verlieren. Nur so viel: Mir persönlich hat die Geschichte richtig gut gefallen, clever aufgebaut mit sehr fein gezeichneten Charakteren. Natürlich ist „Der Hof“ ganz anders als ein Hunter-Roman, was der Leser im Hinterkopf behalten sollte, denn wenn man hier Anthropologen oder extreme Gewalt und Leichenproduktion am laufen Band erwartet, so wird die Enttäuschung groß sein.

Auch Hans Jürgen Stockerl, der den deutschen Part der Lesung übernahm, fand viele lobende Worte für den Roman und man merkte ihm bei seiner Lesung durchaus an, wie viel Freude es ihm bereitete. Mit tiefer, angenehmer und ruhiger Stimme, fing er die drückende Atmosphäre und hochsommerliche Hitze gekonnt ein und transportierte die Aussage des Textes nicht nur durch die Worte an sich, sondern vor allem durch seine wunderbare Interpretation zum Zuhörer.

Im Anschluss daran wurde ein wenig über das Buch geplaudert. So spielt „Der Hof“, z.B. nicht wie man es erwarten würde in England, sondern in Frankreich, obwohl der Protagonist Jean Engländer ist. Der Leser begleitet ihn auf seiner Flucht vor einem unbekannten, traumatischen Ereignis der näheren Vergangenheit, welches noch weitere Probleme nach sich ziehen wird. Nach einem Unfall landet Jean auf dem abgelegenen Hof mitten im Nirgendwo, der von einer etwas eigenartigen Familie bewirtschaftet wird. Für Simon Beckett war Frankreich das ideale Setting für den Roman, da dort nicht nur die Atmosphäre (die Hitze wäre in England doch eher unwahrscheinlich) passt, sondern solche abgelegenen Gutshöfe auch tatsächlich existieren. Und gerade diese Abgeschiedenheit, die wunderschöne Landschaft sind wichtige Bestandteile der Geschichte. Einerseits nämlich die fast idyllische Lage des Hofes, die Möglichkeit für Jean sich zu verstecken und in Ruhe zu überlegen, was er tun soll. Andererseits die unterschwellige Bedrohung, das Wissen, dass irgendwas an diesem Hof nicht mit rechten Dingen zu geht und die Möglichkeit, dass man einen Flüchtenden auf einem so entlegenen Hof leicht verschwinden lassen könnte. Dieser Kontrast  sorgt für permanente Spannung beim Lesen, während der Leser versucht herauszufinden, was nicht stimmt. Wobei man auch noch, Stück für Stück, ermitteln muss, warum Jean überhaupt geflohen ist.

Hans Jürgen Stockerl liest.

Hans Jürgen Stockerl liest.

Nach einem zweiten Lesungsabschnitt ist klar, dass es zwar keine menschlichen Leichen gibt, aber durchaus getötet wird. Nämlich die Tiere des Hofes, sog. Sanglochons, eine Kreuzung aus Haus- und Wildschwein, die dort gezüchtet werden. Simon Beckett beschreibt sehr detailliert die Arbeiten auf dem Hof und man könnte fast glauben, dass er mit Schlachtungen seine eigenen Erfahrungen gemacht hat. Stattdessen hat er aber nur viel zum Thema gelesen, sich auch weiter über das Hinaus informiert, was er für sein Buch  brauchte, um dem Leser ein möglichst authentisches Bild dieses Lebens zeichnen zu können. Von der Recherche ist es nur ein kurzer Weg zu der Frage, wie Simon eigentlich schreibt, ob er z.B. einem festen Plan folgt oder eher nicht. An dieser Stelle zeigt sich dann auch einmal mehr der Humor des Autors, der freimütig zugibt, dass er durchaus einen Tagesplan hat, dass er eigentlich versucht von 9 – 18 Uhr zu arbeiten, aber dass er leider sehr oft abgelenkt wird, z.B. durch das Anstarren der Wände. Je weiter ein Roman fortgeschritten ist, desto leichter fällt ihm dann aber die Arbeit und gerade in der Schlussphase gibt es keine festgelegten Bürozeiten mehr, eher viele Überstunden.

Meistens entstehen seine Romane aus einer einzigen Idee, einer einzelnen Szene heraus, die ihm einfällt. Er versucht dann zu überlegen, wie die Geschichte enden soll, setzt er sich hin und schreibt. Die Handlung ist demnach nicht vorher festgelegt, sondern entwickelt sich erst beim Schreiben. Lediglich das Ziel der Reise ist klar. Dabei versucht Beckett, der früher als Reporter gearbeitet hat, sich nicht von Nachrichten oder Schlagzeilen inspirieren zu  lassen. Er zieht für sich eine klare Linie zwischen Fakten und Fiktion. Seine Romane sollen unterhalten, aber nicht auf Grundlage wahrer Tragödien.

Zum Ausgleich für die viele Arbeit am Schreibtisch und das „an die Wand starren“ schwimmt oder wandert der Autor gerne oder spielt Percussion. Früher einmal sogar in einer Band.

Eine Überraschung zum Schluss

Simon Beckett liest aus dem neuen "Hunter-Roman" an dem er gerade arbeitet.

Simon Beckett liest aus dem neuen „Hunter-Roman“ an dem er gerade arbeitet.

Als besonderes Schmankerl des Abends erwartet die Gäste der Lesung dann noch eine richtige Überraschung. Auch Simon Beckett gab sich die Ehre vorzulesen. Aber nicht etwa aus dem aktuell erschienen Roman, sondern aus dem Manuskript an dem er gerade arbeitet. Damit hatten wir gestern nicht nur eine Deutschland- sondern sogar eine Weltpremiere! Richtig! Wir durften schon eine Szene aus dem neuen Hunter-Roman hören und ich für meinen Teil hätte wirklich gerne weiter gelesen. Ich freue mich sehr, dass dieser Roman in Arbeit ist und hoffe – gemeinsam mit dem Autor -, dass es nicht wieder drei  Jahre dauern wird, bis wir ein neues Werk in Händen halten dürfen.

Fazit des Abends: Für mich eine rund um gelungene Veranstaltung, mit einem sympathischen Autor und einem großartigem Sprecher. Zwar gab es wohl anfangs ein paar kleinere Probleme bei der Organisation, aber das war schnell vergessen. Auch die anschließende Signierstunde war gut geplant und trotz der großen Menge an Besuchern hielt sich die Wartezeit in Grenzen. Und zu meiner besonderen Freude erinnerte sich Simon Beckett sogar an mich, oder besser gesagt an meine Kurzgeschichte, die ich 2011 im Rahmen eines Fanfiction Wettbewerbs geschrieben habe.

Simon Beckett signiert mein Buch.

Simon Beckett signiert mein Buch.

An dieser Stelle möchte ich mich wie üblich bei Sabine, Andreas und ihren Komplizen bedanken, dass sie dieses großartige Event jedes Jahr auf die Beine stellen und mit soviel Engagement das Leserherz erfreuen. Außerdem gratuliere ich ganz herzlich zum 3. Platz bei dem, von der Stiftung Lesen verliehenen, 1. Deutschen Leserpreis in der Kategorie „Herausragendes individuelles Engagement“.

Bis zum nächsten Mal

Eure Vero