Inhalt

 Als Kirby sechs Jahre alt ist, schenkt ihr ein merkwürdiger, hinkender Mann ein Spielzeugpony. Jahre später wird er versuchen sie zu töten. Wie durch ein Wunder überlebt sie den Angriff. Die Suche nach dem Täter wird zu ihrer Obsession, aber seine Spuren sind schwer zu finden, denn Harper Curtis ist nicht nur irgend ein kranker Spinner – er ist ein eiskalter Psychopath … und er reist durch die Zeit, immer auf der Suche nach seinen ‚Shining Girls’.

Ein Mörder aus der Vergangenheit.
Das Mädchen, das ihm entkam.
Eine Jagd, die längst vorbei ist. Und doch erst beginnt …(Verlagsseite zum Buch)

 Kritik

 Puh! Was für ein Buch. „Shining Girls“ ist unglaublich spannend, aber zum Teil sehr verwirrend geschrieben. Manchmal kommt man erst nach einige Absätzen drauf wovon die Autorin spricht, aber genau das macht auch einen Teil des Reizes der Geschichte aus – man ist Forscher, Entdecker, Zeitreisender, Täter und Opfer zugleich. Der Inhalt, der Aufbau des Romans und der Stil der Autorin ergeben ein komplexes Gefüge, das nicht immer sofort zu durchschauen ist. Die Sprache ist teilweise ähnlich „ziellos“ und verwirrend wie die Geschichte an sich und die Autorin scheint eine ausgeprägte Vorliebe für komplizierte Satzgefüge und Schachtelsätze zu haben, genauso wie – als Kontrast – für extrem kurze Sätze und außerdem einen sehr angenehmen Humor. I like!

Zudem mag ich die Dialoge, ich finde sie hier wirklich gut gelungen – spontan, impulsiv, manchmal völlig daneben, genau so wie echte Gespräche ablaufen.

„Schon gut, halt die Klappe. Wir müssen über deine Leidenschaft für Kommata reden. Man kann die nicht einfach überall reinschieben, wo’s einem gefällt.“
„Das sagt mein Professor für Geschlechterforschung auch!“ (Seite 140)

Obwohl die Figuren sehr detailliert beschrieben sind, dauert es eine ganze Weile bis man eine Bindung zu Kirby, der Protagonistin, aufbauen kann. Das liegt zum einen daran, dass sie sich manchmal absolut unverständlich verhält, (wobei das bei ihrer Biographie kein Wunder ist) zum anderen aber natürlich auch den vielen Zeitsprüngen, Figuren und Perspektivwechseln. Trotzdem wird es dadurch nicht langweilig, sondern ist einfach mal faszinierenden anders. Erst sehr spät kann man wirklich Mitleid mit Kirby haben, ihr Verständnis entgegen bringen und trotzdem stößt sie einen immer wieder vor den Kopf. Dadurch entsteht irgendwie das Gefühl, man wäre ein Teil der Geschichte, weil Kirby einfach alle Menschen in ihrem Umfeld abweisend behandelt.

Harper Curtis hingegen ist und bleibt blass und undurchsichtig, etwas anderes wäre für seine Figur aber auch gar nicht möglich. Nach einer Weile erkennt man den Charakter einer Figur daran, wie ihr Text geschrieben ist. Bei jeder Figur ein bisschen anders – Kirby ist zielstrebig, sarkastisch, abweisend. Dan – witzig, aggressiv, fast verbraucht und Harper selbstmitleidig, jammernd, bösartig.

 „Die Namen der Mädchen sind wieder und wieder nachgezogen worden, bis die Buchstaben angefangen haben auszufasern. Er erinnert sich daran es getan zu haben,. Er hat keine Erinnerung daran es getan zu haben. Eins davon muss wahr sein. (S. 259)

Dies ist definitiv ein Buch, bei dem man richtig mitdenken muss, eine Geschichte die mitreisst und irgendwie sogar berührt. Spannend, aber nicht Action-überladen, im Prinzip passiert wenig und doch sehr viel – aber eben ohne Holzhammermethode. Dabei geht die Autorin zum Teil wirklich ins Detail, so, dass man den Schmerz der Opfer fast selbst fühlen kann.

Und dann, das Ende. Meine Güte. WAS für ein Ende …

„Dann ging er in das Zimmer und hängte die Flügel an den Bettpfosten. Wo die Flügel schon am Bettpfosten hingen. Zeichen und Symbole, wie der leuchtend grüne Mann, der einem erlaubt über die Straße zu gehen. 
Keine Zeit außer der Gegenwart.“ (Seite 87)

Überzeugen kann die Autorin auch mit dem gesamten Aufbau des Plots, der zwar auf den ersten Blick verwirrend erscheint, in sich aber logisch entwickelt wurde,  der Idee an sich und vor allem mit der Umsetzung, die, durch die zeitliche Einordnung des Romans  ein Jahrzehnt vor der Einführung des Internets, sehr gut gelingt.

Fazit

Wer linear erzählte Geschichten lesen will und häufige Zeitsprünge zu kompliziert findet, wer Geschichten braucht, in denen ständig etwas passiert, wer Spannung mit Blutvergießen gleichsetzt: Der sollte die Finger von diesem Buch lassen. Alle anderen, die auch mal etwas ausprobieren wollen, kann ich die Lektüre nur empfehlen.

„Shining Girls“ verbindet eine absolut geniale Idee – wird mit jeder gelesenen Seite spannender – mit gekonnter Umsetzung, ist aber  definitiv kein Buch für die Allgemeinheit. Die Geschichte ist komplex, es gibt vieles, was man sich beim Lesen selbst zusammenreinen muss, die vielen Zeitsprünge und Wechsel der Figuren sind sicherlich nicht jedermanns Sache. Ich persönlich mochte das Buch aber sehr gern. Soweit ich das sehen konnte, wurden die Gedanken und Ideen konsequent umgesetzt, ohne, dass sich die Autorin in etwas verrannt hätte.

Übrigens gibt es HIER ein wirklich großartiges Interview mit der Lauren Beukes. Anschauen lohnt sich! Aber besser erst nachdem man das Buch gelesen hat.

Lauren Beukes – Shining Girls
erschienen, 2014 im Rowohlt Verlag
398 Seiten
14,99 € (Klappenbroschur)
ISBN 978-3-499-26700-0