Inhalt

 Ein alter Professor macht eine seltsame Beobachtung auf dem Grundstück seiner Nachbarin – ein Junge sitzt apathisch am Swimmingpool und blickt auf unzählige Puppen im Wasser, während um ihn herum ein Gewitter tobt.
Kurz darauf erhält Kommandant Servaz einen Anruf aus der Vergangenheit, seine Jugendliebe Marianne. Ihr Sohn ist unter Mordverdacht festgenommen worden. Er soll seine Lehrerin grausam gefoltert und getötet haben. Martin Servaz ist von der Unschuld des Jugend überzeugt. Vor allem, da sich die Hinweise verdichten, das seine Nemesis – Julian Hartmann – der psychopathische Serienmörder, wieder zurück gekehrt ist. Ist der Wahnsinnige tatsächlich erneut am Werk oder verliert Commandant Servaz langsam den Verstand?

Kritik

Lange, lange, lange musste ich auf dieses Buch warten, aber es hat sich gelohnt. Genau wie der Debütroman von Bernard Minier konnte mich auch „Kindertotenlied“ von der ersten bis zur letzten Seite fesseln. Aber anders als „Schwarzer Schmetterling“  beginnt dieser Roman nicht mit einem Mord, sondern führt den Leser über mehrere, wie es scheint unabhängige, Erzählstränge in die Geschichte. Dabei sorgt der Autor nicht nur für Verwirrung beim Leser, er macht vor allem neugierig auf mehr.

Auf seine unnachahmliche Weise erzählt, schafft es Bernard Minier sowohl die düstere Atmosphäre, als auch die brodelnden Emotionen seiner Figuren einzufangen und zu transportieren. Dabei ist der Leser wie gebannt von den Zeilen und der Klangfarbe seiner Sprache. Selbst Nebensächlichkeiten werden spannend und wichtig. Ich liebe diese Sprachmelodie!

„Sie setzten sich ins fette Gras und beobachteten, wie am Fuß des gleichmäßig abfallenden Hügels die weißen Boote kreuz und quer über den See fuhren, sie lauschten den Glocken, die im Tal gemächlich den Rhythmus der Stunden bestimmten, und hörten ihr fröhliches Glockenspiel wie Drachen in den Aufwind emporsteigen“ (Seite 263)

 In dieser Geschichte erfährt man vor allem viel privates über den Ermittler Martin Servaz, der einem oft unnahbar, fast gefühlskalt erscheint. Aber auch Irène Ziegler, Samira, Espérandieu und der Rest der Truppe treten wieder auf den Plan. Die Figuren bleiben sich treu und agieren ihren Charakterisierung entsprechend, obwohl man von einigen nicht nur neues, sondern vor allem unerwartetes erfährt.

Wie schon in seinem Debüt zeichnet Bernard Minier auch hier wieder ein überzeugendes Abbild der Heterogenität der französischen Gesellschaft, so dass der Leser das Gefühl hat das Land wirklich zu erleben, Einblicke zu bekommen in Bereiche, die er bisher kaum bis gar nicht wahrgenommen hat.  Kritisch und intelligent setzt sich der Autor mit seinem Land und dessen Problemen auseinander und verwebt sie geschickt mit der Handlung eines überaus spannenden Thrillers.

Allerdings gibt es viele Rückblenden und Rückbezüge zu „Schwarzer Schmetterling“, so dass es ratsam wäre diesen Roman vorher zu lesen, vor allem da einige Wendungen aus dem Vorgänger verraten werden.

Gefreut hat mich vor allem, dass der Übersetzter, Thorsten Schmidt, sich diverse Kritiken zu Herzen genommen zu haben scheint, denn die Übersetzung wirkt deutlich lebendiger und gefühlvoller als bei „Schwarzer Schmetterling“, auch wenn man an der ein oder anderen Stelle den Kopf schüttelt, ob der ungewollten Komik. Ich hoffe darauf, dass er mit noch mehr Elan an Teil drei gehen wird. Die Zeichen stehen günstig. 😉

Abgesehen von den Ferien, war die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahre alt“ (S. 71)

Der Satz lautet im Original übrigens. „En dehors des vacences, la moitié de la population avait moins de vingt-cinq ans“. Er ist also theoretisch richtig übersetzt, im Deutschen würde man aber wohl eher „Außerhalb der Ferienzeiten …“ sagen. Gibt wieder einmal mehrere Stellen, an denen mir einen Tick zu wörtlich übersetzt ist. (Das wirkt jetzt fast kleinkarriert und würde mir wahrscheinlich auch nicht auffallen, wenn ich das Original nicht Zuhause hätte).

Fazit

Was für ein Buch! Ich habe selten einen Thriller gelesen, der mich so fassungslos zurück lässt. Chapeau Monsieur Minier. Wie der Vorgänger ein Buch, das auf leisen Pfoten angeschlichen kommt und dich dann erbarmungslos in Stücke reisst. Als würde man der Gesellschaft einen Spiegel vor halten und sagen: Da, schau dir nur an was du erreicht hast, und zu welchem Preis …

„Kindertotenlied“ ist in jeder Hinsicht ein Thriller wie ich ihn mag: düster, packend, tiefgründig. Kein Actionfilm in Buchform, sondern anspruchsvolle Unterhaltung. Knisternde Spannung und der Blick in menschliche Abgründe, aber ohne, dass die Gewalt dominiert. Zudem ist die Geschichte raffiniert erzählt, wobei vor allem die Wendungen glaubhaft vermittelt werden und nicht zu übertrieben dargestellt sind. Ein absolutes muss für jeden Thriller Fan!

Besonders gut gefällt mir hier die indirekte Kritik an den Mechanismen der Regierenden – Brot und Spiele, ähnlich wie im alten Rom, um die Gesellschaft gefügig zu halten und von den wahren Problemen abzulenken. Hier überzeugend – auch für Fans des Sports – dargestellt am Thema Fußball WM.

Bernard Minier – Kindertotenlied
erschienen, 2014 im Droemer-Knaur Verlag
652 Seiten
19,99 € (Hardcover)
ISBN: 978-3-426-19980-0

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