Inhalt

Tim lebt in einem kleinen Dorf in Italien, bei seiner Mutter und seinem Onkel. Eines Tages kommt ein merkwürdiger Junge in das Delikatessengeschäft seine Onkels, fordert ihn auf keine Fragen zu stellen und bezeichnet sich selbst als Pirat. Ehe Tim sich versieht wird er von dem finsteren Piratenkapitän Humpelgreed entführt und auf sein Schiff in Seeland verschleppt. Dort hält er viele viele Kinder auf seinem Schiff gefangen und zwingt sie Fragen zu stellen. Das Problem: Alles was man fragt vergisst man im selben Moment. Tim und die anderen Kinder werden Stück für Stück selbst zu skrupellosen Piraten, überfallen andere Schiffe und plündern. Doch eines Tages taucht eine Nixe auf und klärt Tim über alles auf. Da schmieden sie einen Plan, um Humpelgreed zu stoppen. Können Tim und seine Freunde Seeland retten oder werden sie irgendwann alles vergessen haben, was sie ausmacht?

Kritik

Diese Geschichte basiert auf einer wirklich witzigen Idee: Ein Pirat, der Kinder entführt um sie Fragen stellen zu lassen, damit der Entfrager auf seinem Schiff, der die Fragen sammeln und damit das Schiff antreiben kann. Anfangs an ist die Geschichte spannend und witzig erzählt, die Sprache bleibt dabei sehr einfach und kindgerecht. Allerdings stolpert man beim Lesen gelegentlich über etwas merkwürdige Formulierungen und die all zu häufigen Perspektivwechsel sind wirklich verwirrend.
Auch die Handlung an sich ist gelegentlich irritierend, da plötzliche Gedanken- und Ortswechsel nicht immer klar erkennbar sind. Ich musste beim Lesen öfter mal wieder eine Seite zurück blättern, bzw. ganze Absätze nochmal lesen, da mitten in der Handlung plötzlich ein Einschub mit einem völlig neuen Thema auftaucht und die Handlung dann wieder weiter geht, als hätte es den Einschub nie gegeben. Auch die vielen Lieder und Gedichte waren irgendwann eher nervig als lustig.

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Die Gestaltung der Figuren ist mir zu ungenau – man würde erwarten, dass Tim zu Beginn entweder deutlich stärker rebelliert oder völlig verängstigt erscheint. Er aber befindet sich in einem merkwürdig undefinierbaren Schwebezustand zwischen Rebellion und Folgsamkeit, ohne klar erkennbare Intention. Und diesen Zustand behält er auch das gesamte Buch über bei. Mag sein, dass einem Kind so etwas weniger auffällt, für mich persönlich fehlt aber eine klare Entwicklung der Figur von einem Ausgangszustand, zu einem Endzustande. Tim springt immer wieder vor, zurück und verheddert sich in sich selbst. Allgemein bleiben die Kinder relativ blass und eindimensional. Das spiegelt sich auch in vielen leider nichtssagenden, teilweise sogar unverständlichen Dialogen wieder.

„Kurt grübelte und kratze sich am Kopf. „Irgendwas gab es da noch … Aber ich komm nicht drauf.“
„Na sag schon“, rief Ian. (Seite 122)

Interessant ist in diesem Fall auch die Altersempfehlung des Verlages: Lesealter von 8 – 12, die teilweise aber sehr brutalen Schilderungen von Überfällen, die Unterdrückung und Misshandlung der Kinder ist für mich doch etwas zu harter Tobak für einen 8-jährigen. Ich würde dieses Buch frühestens Kindern ab 10, eher 12 in die Hand drücken. Auch der Umfang der Geschichte spricht für ein älteres Zielpublikum: 312 eng, wenn auch in etwas größerer Schrift, beschriebene Seiten ohne Auflockerung durch Illustrationen sprechen eher für ein Jugend-, als ein Kinderbuch. Allerdings sind die Figuren und das Thema an sich zu kindlich für einen Jugendroman und auch die nötige charakterliche Entwicklung fehlt.

Gelungen fand ich hingegen die Beschreibung des Seelandes, des Schiffes, der Lebewesen und Gestalten dieses fantastischen Reiches. Die Worte zauberten Bilder vor dem geistigen Auge, die den Leser einen wunderbaren Blick in die unglaubliche Welt von Humpelgreed und seinen anderen Bewohnern werfen ließen.

Auch das Cover an sich ist wirklich schön, passt hervorragend zur Geschichte und wirkt dabei doch ein bisschen zu niedlich, zu süß für mein Empfinden – bezogen auf die anzusprechende Altersgruppe.

Fazit

Auch wenn „Humpelgreed“ auf den ersten Blick aussieht wie ein witziges Kinderbuch und auch gerade sprachlich eine sehr junge Zielgruppe vermuten lässt, würde ich es keinem 8 – 10 jährigen Kind in die Hand drücken. Die Thematik ist zu grausam, zu komplex, als das sie von einem Kind so leicht verstanden werden könnte und auch der Umfang des Buches eindeutig zu groß, um einen jungen Leser bei der Stange halten zu können, sofern es sich nicht schon um eine ausgeprochene Leseratte handelt.
Die Hintergrundidee des Romans gefällt mir sehr gut, die Beschreibungen der Landschaften und Orte sind wunderschön gelungen, aber leider trifft die Umsetzung der Geschichte nicht meinen Nerv. Zu viele kleine Kritikpunkte, die das Lesevergnügen deutlich hemmen. Zwar will man als Leser durchaus wissen, wie und ob Tim aus dem Seeland entfliehen kann, man möchte erfahren warum Humpelgreed diesen Entfrager besitzt und ob am Ende alles gut ausgeht. Aber die sehr platten Dialoge, die unvollständige Charakterisierung und Entwicklung der Protagonisten und die stellenweise sehr merkwürdige Sprache sowie der zum Teil verwirrende Aufbau der Geschichte führen dazu, dass man das Buch immer wieder nach wenigen Seiten genervt weglegt. Schade.

2/5 Sternen

August Gral – Humpelgreed
erschienen, 2013 im Papierverzierer Verlag
312 Seiten
12,95€ (Taschenbuch)
ISBN  978-3-944544-01-4

Vielen Dank an Blogg dein Buch und den Papierverzierer Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares. Wer sich trotzdem selbst vom Buch überzeugen möchte – und das kann ich ja jedem nur Raten, dann könnt ihr es z.B: HIER kaufen.