Inhalt:

Eine Prostituierte wird ermordet, ein Kind wird entführt, eine Familie versucht ihren Probleme zu entfliehen, ein Polizist tanzt nah am Abgrund, ein Privatermittler ist auf der Suche nach Gerechtigkeit Eine Stadt die lebt und vibriert, brodelt wie ein Vulkan und ihre Opfer fordert. Ein kleiner Stein, der ins Rollen gebracht wird und eine Lawine ungeahnten Ausmaßes auslöst …

„Er kann alles mit mir machen, solange er nur meine Tochter verschont!“

Kritik:

Der Prolog ist zunächst verwirrend, der Leser wird mitten in ein Geschehen geworfen, dass er sich weder erklären, noch verstehen kann. Aber man möchte wissen, was passiert ist, wie es dazu kommen konnte und worum es eigentlich geht. Der Anfang der Geschichte bringt wenig Erhellendes: Viele Figuren, viele Handlungsstränge, viele Perspektiven und über dem Kopf des Lesers ein riesiges, rotes Fragezeichen. Wäre das bei manchen Büchern ein Grund sie genervt in die Ecke zu werfen, ist hier genau das Gegenteil der Fall: Wie gebannt frisst man sich, Seite um Seite, Kapitel um Kapitel durch das Buch, fiebert mit den Charakteren, leidet mit ihnen, verflucht sie oder möchte sie manchmal einfach ihn den Arm nehmen und ihnen sagen, dass alles gut wird. Hoffentlich.

Martin Krist schafft hier ein wahres Meisterwerk – eine derart komplexe Geschichte zu erzählen ist allein schon eine Leistung. Sie dann aber auch noch so zu erzählen, dass man als Leser immer wieder einen Zipfel des roten Fadens zu sehen bekommt, der einem dann doch durch die Finger schlüpft, ist einfach genial. Vor allem, weil sich der Autor in seiner Geschichte keine Sekunde verrennt oder logische Brüche verursacht.

Gerade, dass man beim Lesen nachdenken, sich gelegentlich einen Zusammenhang selbst erarbeiten, auf jedes Detail achten muss, macht den Reiz dieses Thrillers aus. „Dreckspiel“ ist definitiv kein Buch, dass man nach ein paar Seiten zuklappen und zwei Wochen später weiter lesen könnte. Kein Buch, dass man zur Entspannung Abends liest. Dieser Thriller erfordert Konzentration und nur dann macht er auch wirklich Spaß.

Dazu kommt die Direktheit der Geschichte – schonungslos erzählt, nicht nur in der Wortwahl des Autors, in der Gestaltung des Settings oder der Charakterisierung der Figuren, auch in der Sprache der Charaktere (Verfickte Scheiße!). Hart, brutal, ehrlich, ohne ekelerregend zu sein. Ja, es fließt Blut – sehr viel sogar, aber die Schilderung ist immer knapp unterhalb der Schmerzgrenze, des Zumutbaren. (Jedenfalls für meine Begriffe). Es passiert so viel, da bleibt kein Raum für „Schwarz oder weiß“, kein Raum für klare Grenzen und einfache Einordnung der Figuren. Kein Raum für Schema F: niemand ist böse, niemand ist gut, jeder ist zu allem fähig. Und immer, wenn man glaubt, dass man das „Drecksspiel“ endlich durchschaut hat, dann ist nichts so, wie es scheint. Oder vielleicht doch?

Ich habe zu Beginn ein paar Seiten gebraucht, um in die Geschichte zu finden und in die Sprache des Autors, aber diese Klippe war schnell umschifft und danach ging es in rasantem Tempo – Story sowie meine Lesegeschwindigkeit – durch das Buch. Selbst wenn ich gewollt hätte: Ich hätte nicht aufhören können zu lesen.

Fazit:

Ein schonungslos erzählter Thriller, fernab der heilen Welt die wir in Büchern oft zu finden hoffen. „Drecksspiel“ beschreibt ein etwas anderes Berlin, ein dreckiges, hartes, nervenaufreibendes Berlin – eines, dass wir aus den Nachrichten kennen und trotzdem nicht sehen wollen. Fäkalsprache inbegriffen.

Gleich einer Spinne webt Martin Krist ein Netz aus Spannung und Intrigen, wickelt den Leser hinterrücks in einen Kokon aus Nervenkitzel, fesselt ihn mit jeder Seite ein Stück mehr an die Geschichte und lässt ihn am Ende Fassungslos und mit dem Drang nach „mehr“ zurück.  Genial erzählt! Volle Punktzahl von mir, für grandiose und atemberaubende Unterhaltung.

Wer auf Thriller nach dem Schema F steht, der sollte von diesem Buch die Finger lassen. Wer aber bereit ist, sich auf eine Geschichte einzulassen, voll und ganz in sie einzutauchen und ohne die Erwartung daran geht, dass hier ein Baukastenthriller aus der Schreibwerkstatt vor ihm liegt, der sollte zugreifen. Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

5/5 Sternen 

Martin Krist – Drecksspiel
erschienen, 2013 im Ullstein Verlag
394 Seiten
9,99€ (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-548-28537-5

 

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