Hey ihr Lieben,

heute Morgen habe ich – und wahrscheinlich auch viele von euch – eine Mail von den Freunden der Stiftung Lesen bekommen. Eigentlich wäre das ja noch gar nicht dramatisch und auch der Betreff klang hübsch, „Leser fördern Leser: Werden sie ein Freund der Stiftung Lesen“. So weit, so gut. Aber nachdem ich die Mail dann gelesen hatte, muss ich zugeben, dass mich der Inhalt irgendwie entsetzt hat.  Aber lest erstmal selbst:

Liebe Lesefreunde,

Kindern in Deutschland wird heute viel zu wenig vorgelesen! Aus den aktuellen Bildungsstudien wissen wir, dass gerade Vorlesen im Kindergarten- und Grundschulalter entscheidend ist für den späteren Bildungserfolg.

Lesefreude zu wecken, kann nicht allein Aufgabe von hauptamtlichen Fachkräften sein, sondern wird häufig ergänzt durch ehrenamtliche Vorleserinnen und Vorleser, die Kindern regelmäßig in Kindertagesstätten und Grundschulen vorlesen und sie mit Geschichten vertraut machen. Es gibt aber noch zu wenige dieser Vorleserinnen und Vorleser, und damit wollen wir uns nicht zufrieden geben.

Unser Ziel: ehrenamtliche Vorleserinnen und Vorleser an jeder Kindertagesstätte und jeder Grundschule, die die Arbeit der Erzieherinnen und Lehrkräfte begleiten, damit alle Kinder bessere Startchancen ins Leben haben – auch und gerade diejenigen, die in ihrem Zuhause eine Förderung entbehren müssen.

Bitte helfen Sie uns, noch mehr Vorleserinnen und Vorleser zu gewinnen, damit in jeder Kita und Grundschule in Deutschland regelmäßig vorgelesen wird. Mit einem Mitgliedsbeitrag ab 50 Euro im Jahr im Freundeskreis der Stiftung Lesen unterstützen Sie zwei ehrenamtliche Vorleser in ihrer Arbeit.

Gemeinsam mit vielen lokalen und regionalen Initiativen unterstützt die Stiftung Lesen seit vielen Jahren diese Ehrenamtlichen, die eine wichtige und einzigartige Arbeit leisten. Diese Unterstützung mit Lesetipps, Fortbildungen, Austauschtreffen kostet uns pro Vorleser 25 Euro im Jahr.

Wir würden uns freuen, Sie noch in diesem Jahr als neues Mitglied im Freundeskreis der Stiftung Lesen begrüßen zu dürfen.

Ihre

„Was stört dich denn da jetzt?“, werden sich einige von euch Fragen. Es ist nicht die Tatsache, dass in Deutschland zu wenig vorgelesen wird (Ok, doch, das stört mich schon aber hier ist es nicht der Aufhänger). Es ist auch nicht die Bitte um Geld, die ja doch recht direkt geäußert wird. Es ist die Tatsache, dass hier – mal wieder – jegliche Verantwortung von den Eltern genommen werden soll! Nein, den Kindern vorlesen ist NICHT allein Aufgabe des Staates, nicht die Aufgabe von „Fachpersonal“ (wie auch immer das aussehen mag) und garantiert auch nicht die Aufgabe ehrenamtlicher Vorleser. Es ist Aufgabe der Eltern. Punkt! Und da will ich jetzt bitte keine Ausreden à la „Das kostet doch so viel Zeit“ hören, oder „Wann soll ich denn als Eltern das auch noch machen?“, oder „Wofür ist denn der Kindergarten sonst da?“ … Es ist sicherlich schön, wenn im Kindergarten zusätzlich vorgelesen wird. Das passiert bei uns auch und sowohl die Kinder als auch die Erzieher haben dabei augenscheinlich viel Spaß.  Es ist auch toll, wenn sich Leser ehrenamtlich dafür engagieren, dass Kindern vorgelesen wird, z.B. in Kindertagesstätten, bei Nachmittagsbetreuung …, aber in erster Linie sind die Eltern dafür zuständig ihrem Kind vorzulesen. Und es macht mich unglaublich traurig,  wenn ich sehe, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Aufgabe hier in die Hände Außenstehender gelegt wird.  Es macht mich tatsächlich wütend, wenn ich sehe, dass die Eltern-Aufgabe nicht mal in einem Nebensatz erwähnt wird. Ich lese meinem Kind vor und ich bin mir sicher, dass jeder meiner buchbegeisterten Freunde das auch tut! Aber statt, dass man an die Eltern appelliert, statt, dass man versucht Erziehungsaufgaben wieder mehr in die Familie zu legen und sie nicht immer mehr anderen zu überantworten, wird hier nicht mal erwähnt, dass man auch Zuhause vorlesen kann! Statt „Lesen“ zu einem gemeinsamen Erlebnis für Eltern und Kinder zu machen, – wie es eigentlich eines sein sollte, – wird einmal mehr darauf hingewiesen, dass das auch Außenstehende tun können, und dass es sogar super toll ist, wenn andere das machen. (Um das mal klarzustellen: es ist auch wirklich ein tolles Zusatzangebot. Aber eben nur das und nicht mehr.)

Klar, das „Vorlesen“ ist nur ein kleiner Teil dieses umfassenden Problems, dass immer mehr Erziehungsaufgaben an den Staat übertragen werden. Viele Eltern sind sogar der Meinung, dass Lehrer und Aufsichtspersonen (egal ob im Kindergarten, in der Schule oder im Hort) einen Erziehungsauftrag haben. Und dem muss ich hier vehement widersprechen. Kinderziehung ist Elternsache! Und ich würde mir wirklich wünschen, dass sich die Menschen das wieder viel mehr bewusst machen. Es ist nicht die Aufgabe eines Lehrers, meinem Kind Anstand beizubringen. Es ist MEINE Aufgabe! Die Erzieher, Lehrer und sonstigen (pädagogischen) Aufsichtskräfte (auch in Vereinen etc.)   haben dabei lediglich die Funktion mich zu unterstützen, aber sie müssen nicht die alleinige Arbeit leisten.  Leider scheint aber diese Entwicklung nicht nur langsam zu passieren, sie wird auch noch aktiv gefördert – sowohl von staatlicher, als auch von der Elternseite. Und ich finde diesen Prozess sehr erschreckend, geradezu befremdlich.  Ich möchte hier keine Grundsatzdiskussion lostreten, à la „Eltern sollen halt vorher überlegen, ob sie Kinder wollen oder nicht“. Das ist quatsch. Da kann man sich noch so gut drauf vorbereiten und am Ende ist dann trotzdem alles ganz anders.  Ich möchte nur ein bisschen zum Nachdenken anregen, weil mich diese Sache betrifft – sowohl als Erziehungsberechtigter (Es sollte eher zur Erziehung verpflichteter heißen *g*) als auch als Mutter eines Kindes, dass mit dem fehlenden Anstand und der fehlenden Moral vieler anderer Kinder (Gott sei Dank nicht alle!) zurecht kommen muss. (Nein, meine Tochter ist nicht perfekt, eigentlich ist sie sogar viel zu verwöhnt, aber zumindest sitze ich nicht tatenlos daneben, wenn sie sich ausprobiert und ihre Grenzen testet.) Und ja, es schockiert mich, wenn ich z.B. am Spielplatz bin, Kind A dem Kind B die Schaufel über den Kopf haut und die Eltern daneben stehen und  –  wenn sie überhaupt reagieren – das Durchsetzungsvermögen ihres Sprösslings loben.

Und jetzt habe ich mich doch wieder viel zu viel darüber aufgeregt, aber manchmal, da muss etwas einfach gesagt werden!
Wie seht ihr das? Erziehung als Aufgabe des Staates oder als Aufgabe der Eltern?