Inhalt

In der idyllischen Kleinstadt Aurora wird, auf dem Grundstück des erfolgreichen Schriftstellers Harry Quebert, die Leiche eines vor über 30 Jahren verschwundenen Mädchens gefunden – zusammen mit dem Manuskript seines Bestsellers. Er gerät unter Mordverdacht, Sein Schützling und Freund Markus Goldman, ein aufstrebender Schriftsteller, glaubt nicht an Harrys Schuld und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Er sticht in ein Wespennest, denn irgendjemand versucht mit allen Mitteln ihn an der Suche nach der Wahrheit zu hindern. Was ist nur passiert, damals, in Aurora, am 30. August vor 33 Jahren? Und wer will verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt?

Kritik

Dieses Buch ist der Wahnsinn. Eine einzige Liebeserklärung an die Literatur, an das Leben, an die Liebe und an den Leser. Eine Geschichte die so tief berührt wie kaum ein Liebesroman oder Drama, spannender als die meisten Thriller und trotz der großen Seitenzahl keine Sekunde langweilig. Selbst jetzt, nachdem ich das Hörbuch drei mal gehört habe, bin ich noch nicht ganz sicher, wie ich diese Gefühle in Worte fassen soll.

Fangen wir mit dem Einfachsten an: Der Sprecher ist hervorragend gewählt. Er transportiert die Atmosphäre des Buches sehr überzeugend und haucht jeder Figur Leben ein. Jeder Charakter bekommt seine eigene, unverwechselbare Stimme, die großartig mit den Attributen der Figur harmoniert. Ein absoluter Hörgenuss: Ein kraftvolles Buch, gelesen mit ausdrucksstarker Stimme. Torben Kessler war für mich bisher kein Begriff als Sprecher, er hat hier aber wirklich beeindruckende Arbeit geleistet.

„Die Liebe, immer die Liebe. Die Liebe hat gar nichts zu bedeuten, Goldman. Die Liebe ist ein Trick, den sich die Männer ausgedacht haben, damit sie ihre Wäsche nicht selbst waschen müssen.“ (aus „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert)

Interessant ist aber auch der Aufbau der Geschichte. Das Buch ist in 31 Kapitel unterteilt, die zum Großteil eine von Harry Schriftstellerregeln zum Thema haben. Die Geschichte springt zwischen den Zeiten und Orten hin und her, ohne klare zeitliche Linie. Die Kapitelreihenfolge ist umgekehrt von 31 bis 1 und die Inhalte eines Kapitels  orientierten sich auch jeweils an der zu Beginn genannten Regel.

Die Story selbst ist komplex und derart vielschichtig, dass, allein die Planung der Handlung eine wahre Meisterleistung gewesen sein muss – vom Schreiben ganz zu schweigen. Der Autor führt seine Leser in jeder Beziehung immer und immer wieder aufs Glatteis, zeigt ihm eine Wahrheit, nur um dieses direkt wieder zu hinterfragen, überzeugt durch schlagkräftige Argumente und widerspricht sich anschließend selbst, ohne je den roten Faden zu verlieren, oder vom Weg abzukommen. Grandios.

Halten Sie die Liebe in Ehren Markus. Machen Sie sie zu ihrer schönsten Errungenschaft, zu ihrem einzigen Ziel. Nach den Menschen kommen andere Menschen, nach den Büchern kommen andere Bücher, nach dem Ruhm kommt anderer Ruhm, nach dem Geld kommt anderes Geld.  Aber nach der Liebe, Markus, nach der Liebe bleibt nur das Salz der Tränen.“ (aus: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert)

Auch die Anzahl der agierenden Personen ist beachtlich. Grob überschlagen sind es in etwa 15 wiederkehrende Charaktere, dazu noch einige mit kurzen Gastspielen in ein oder zwei Szenen. Während man zumeist in einem Roman ein oder zwei gut durchdachte und ausgearbeitete Protagonisten findet und die restlichen Figuren als Randcharaktere ihr Dasein fristen, gelingt es Joël Dicker jede Figur mit  unverwechselbaren Charakterzügen und einer individuellen Biographie auszustatten, ohne den Leser bei deren Erzählung zu langweilen. Selbst die Randfiguren wirken irgendwie lebensecht. Besonders erwähnenswert finde ich hier Markus Mutter. Warum verrate ich nicht, einfach lesen und herausfinden. Diese Figur ist einfach nur großartig.

Manche Passagen des Buches werden wiederholt, manche Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, manche Geschehnisse immer wieder rekonstruiert und obwohl man erwarten könnte, dass diese Wiederholungen nerven oder der Spannung abträglich sind, ist genau das Gegenteil der Fall. Sie kommen zur richtigen Zeit am richtigen Ort und ohne sie wäre die Geschichte wahrscheinlich nur halb so gut.

„Wissen Sie, Herr Doktor, da kriegt man Kinder und will, dass sie die glücklichsten Geschöpfe dieser Welt werden. Aber dann macht einem das Leben einen Strich durch die Rechnung.
„Wie meinen Sie das?“
„Sie fragt mich ständig und in allem nach Rat. Ständig hängt sie an meinem Rockzipfel und fragt ‚Ma, wie macht man das? Ma, wohin kommt das? Ma hier, Ma dort. Ma, Ma, Ma. Aber ich werde nicht immer für sie da sein. Eines Tages werde ich nicht mehr auf sie aufpassen können, verstehen Sie? Wenn ich daran denke spüre ich das hier im Bauch. Es ist als würde sich mein ganzer Magen zusammenkrampfen. Das tut richtig weh …“ (aus: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert)

Eine klare, schnörkellose Sprache zeichnet den Schreibstil aus, Einfache Sätze, die trotzdem Poesie transportieren und den Leser so tief in die Geschichte saugen, dass man das Gefühl hat in Aurora zu stehen, durch die Straßen zu gehen, den Figuren zu begegnen und den Gesprächen als stiller und unsichtbarer Zuhörer zu lauschen. Wenn man das Buch beendet hat (oder besser: beenden musste, weil das Buch leider zu ende ist), dann ist es ein Gefühl, als würde man aus einer anderen Welt ganz langsam wieder in die Realität zurück kehren und das tut man mit großem Bedauern. Eigentlich, ganz eigentlich möchte man für immer in Aurora bleiben, in diesem Sommer im Jahre 1975, als alles möglich war.

Fazit

Ich bin verliebt. In Nola, in Harry, in Markus, in alles und jeden, in Aurora, in dieses Buch! Eine Meisterleistung in jeder Hinsicht und ich weiß gar nicht, wie ich es anders sagen soll. Überwältigend erzählt, Überragende Figuren, lebensecht und individuell, eine Geschichte die zu Herzen geht. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ ist ein absolut gigantisches Buch. Ein KrimiLiebesgeschichtenDramaSchicksalsroman.

Obwohl einige Szenen wiederholt oder aus anderen Blickwinkeln beleuchtet werden ist dieses Buch nicht eine Sekunde langweilig, nicht den Bruchteil einer Sekunde uninteressant und man hat nie, aber auch wirklich nie das Gefühl, dass man eine Pause bräuchte. Hier kann man getrost 700 Seiten am Stück lesen und am Ende ist man traurig, weil es schon vorbei ist. Joël Dicker ist hier ein Roman gelungen, der seinesgleichen sucht, aber wahrscheinlich kaum finden wird. Nur wenige Bücher schaffen es, mich nachhaltig so zu begeistern und zu beschäftigen.

Dieses Buch belebt den Glauben an die Menschheit im selben Maße, wie es ihn zerstört, es weckt die Sehnsucht nach der ganz große Liebe und zeigt doch, dass sie nicht zwingen glücklich macht. Vor allem aber macht diese Geschichte so viel Lust auf das Leben, sie erinnert daran, nein, sie ermahnt einen seinen eigenen Weg zu gehen, an sich zu glauben, sein Leben zu leben und jeden einzelnen Tag zu genießen.  Unbedingt lesen! Nicht überlegen ob, sondern einfach machen.

Das Hörbuch ist ein echter Genuss, trotzdem weiß ich, dass ich dieses Buch auch noch als gedrucktes Exemplar zu Hause haben möchte. Und wenn ihr es lest, dann achtet hinterher auf die Danksagung.

5/5 Sternen (aber ich würde mehr geben, wenn es ginge)

Joël Dicker – Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
erschienen, 2013 im Piper Verlag
736 Seiten
22,99 € [Hardcover]
ISBN 978-3-492-05600-7