Inhalt:

Zehn Jahre nachdem Sarah,Tracy und Christine aus den Fängen eins sadistischen Psychopathen befreit wurden, steht seine mögliche Bewährung im Raum. Alle drei Frauen kämpfen immer noch mit den Nachwirkungen ihres Martyriums und Jennifer, Sarahs beste Freundin, hat die drei jährige Gefangenschaft nicht überlebt. Ihr Leiche jedoch blieb verschwunden. Um die Bewährung zu verhindern macht sich die schwer traumatisierte junge Frau auf die Suche nach der Wahrheit, nach den Hintergründen für die Tat und vor allem auf die Suche nach Jennifers Überresten, um den Täter doch noch wegen Mordes überführen zu können. Schon bald wird klar, dass es für Sarah nur einen Weg gibt – zurück zu dem Haus, in dem der Alptraum begann …

Kritik:

Mit einem Wort: WOW. Das Buch packt einen, hält einen fest und lässt bis zur letzten Seite nicht mehr los. Psychologisch und tiefgründig erzählt.

Vor allem das Schicksal der Protagonisten ist beängstigend realistisch dargestellt. Auch wenn Koethi Zan bewusst nicht mit ekelerregenden Details um sich wirft, so verrät sie genug um die Phantasie des Lesers anzuregen. Ich hatte beim Lesen regelmäßig Gänsehaut, musste das Buch sogar einige Male kurz zuklappen und mir bewusst machen, dass ich in keinem Keller bin, dass ich nicht angekettet in einem dunklen Verlies sitze, dass ich keine Angst haben muss. Das Buch ist überwältigend lebendig und sehr feinfühlig  geschrieben.  Obwohl die Geschichte komplett aus der Ich-Perspektive erzählt wird, wechseln sich Sarahs Monologe, in denen sie aus ihrer Vergangenheit berichtet, mit dem aktuellen Geschehen ab. Dadurch wird zusätzliche Spannung erzeugt, denn in dem Maße in dem Sarah ihre Vergangenheit bewältigt, wird der Leser dorthin zurück geführt. Vor allem aber wird es – trotz viel Storytelling – hier nicht langweilig. Gerade weil die Sprache der Autorin sehr ausdrucksstark ist: authentisch, wortgewandt, gespickt mit einer Prise Sarkasmus und Wortwitz, die das ansonsten sehr bedrückende Thema geschickt auflockern.

„Nach zwei Monaten an der Uni hegte ich insgeheim tatsächlich die Hoffnung, dass wir anfangen könnten, wie normale Menschen zu leben. Ich glaubte, dass wir die Ängste und Sorgen unserer Jugend einfach beiseiteschieben und wie unser Kinderspielzeug in Kartons verpacken könnten. In ketzerischer Abkehr von allem, woran wir glaubten, erwachte in mir der Gedanke, dass unsere Kindheitsobsessionen vielleicht nur das waren: Obsessionen. Und wir jetzt endlich erwachsen wurden.“ (Seite 15)

Das Handeln der Protagonistinnen ist zu jeder Sekunde nachvollziehbar und glaubhaft erklärt, obwohl keine der Figuren wirklich „normal“ ist.  Umso erstaunlicher ist es, wie leicht man sich – vor allem in Sarah – hineinversetzen kann, wie sehr man innerhalb weniger Seiten eine Beziehung zu den Figuren aufbauen kann und mit ihnen mitleidet, bzw. mitfiebert. Trotz unterschiedlicher Entwicklungen nach der Befreiung, empfindet man für Sarah, Tracy und Christine Verständnis, Mitgefühl, sogar Respekt und kann jede einzelne Reaktion nachvollziehen, egal wie befremdlich sie wirken mag.

„Danach“ ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend und eigentlich gibt es am Buch fast nichts zu meckern. Die Autorin hat die Gesamtstruktur der Geschichte sehr gut aufgebaut und die einzelnen Fäden zu einem logischen Netz verknüpft. Nur das Ende, das war mir dann fast einen Tick zu kurz und auch vorhersehbar.  Hier hätte ein längerer Showdown nicht geschadet. Es liegt nicht daran, dass am Ende zu wenig dramatisches passiert, sondern eher daran, dass man so tief in der Geschichte hängt, dass man gar nicht glauben kann, dass sie jetzt tatsächlich vorbei sein soll, denn eigentlich könnte man am Ende noch eine Geschichte erzählen, oder vielleicht sogar ein paar mehr.

‚Siehst du sie?,‘ fragte ich, dass ich der Zurschaustellung von Upper-East-Side Perfektion den Rücken zudrehte.
‚Nein. Wahrscheinlich hat sie eines ihrer Kindermädchen geschickt.‘, antwortete Tracy verächtlich.
‚Sie hat gleich mehrere?‘
‚Das war vielleicht ein bisschen ungerecht, ich spekuliere nur. Oh warte, ich glaube da hinten kommt sie. Schwer zu sagen, diese Frauen sehen alle gleich aus … “ (Seite 119)

Fazit:

„Danach“ von Koethi Zan ist ein ganz erstaunliches Debüt, eine Story die tief berührt, eine Geschichte, die man sich nicht mal im Ansatz vorstellen will. Ein feinfühliger, psychologisch sehr gut recherchierter Roman. Gleichzeitig spannend und fesselnd, wie ein guter Thriller sein soll und dabei so eindringlich und emotional erzählt, dass man nicht anders kann, als das Leid und die Verzweiflung der Protagonisten mitzuerleben. Sprachlich ist dieses Buch in jeder Hinsicht eine Wohltat. Nicht nur der vielfältige Wortschatz der Autorin, sondern auch die Leichtigkeit mit der sie Sprache und deren Wirkung einsetzt ist großartig.
Einzig das Ende ist mir einfach einen kleinen Tick zu kurz und zu schnell erzählt. Da wäre noch etwas mehr drin gewesen. Das ändert aber nichts an der Bewertung. Wer spannende, psychologische Thriller mag der wird hier definitiv auf seine Kosten kommen.

„Für uns gab es sowas wie das Schicksal nicht. Schicksal war ein Wort, das man benutzte, wenn man unvorbereitet war, wenn man leichtsinnig wurde, wenn die Aufmerksamkeit nachließ. Schicksal war die Krücke der Schwachen.“ (Seite 10)

5/5 Sternen

Hier lohnt es sich übrigens wirklich das Interview >>KLICK<< mit der Autorin zu lesen: Sehr spannend.

Koethi Zan – Danach
erschienen, 2013 im Fischer Verlag  (Scherz)
445 Seiten
14,99 € (Klappenbroschur)
ISBN: 978-3-651-00045-2