Stephan Ludwig, ich und Arno Strobel

Stephan Ludwig, ich und Arno Strobel

Neuer Tag, neue Lesung

Manchmal fühle ich mich direkt vom Glück verfolgt. Na gut, ganz von allein kommt das alles nicht angeflogen und es steckt auch einiges an Arbeit dahinter (auch wenn das von Außen vielleicht nicht so aussieht), aber es ist schon ein schönes Gefühl, wenn man zu einer Lesung fährt und weiß, dass man auf der Gästeliste steht. Nein, ich will damit nicht angeben (höchstens ein klitzekleines bisschen), sondern einfach das Augenmerk darauf richten, dass es eben die kleinen Dingen sind, die glücklich machen. Dass ein kleine Anerkennung, ein kleines Lob, eine kleine Geste die niemanden viel kostet, manchmal mehr wert ist als große, teure aber lieblos verteilte Geschenke. Bevor ich jetzt aber noch gänzlich vor Rührung zerfließe und ihr gelangweilt einen neuen Blog sucht, widme ich mich dem Kern des heutigen Beitrags: der Lesung mit Arno Strobel und Stephan Ludwig aus ihren jeweils aktuellen Thrillern „Der Sarg“ bzw.  „Zorn – Vom Lieben und Sterben“.

Los geht’s

Wieder einmal führte mich meine Buchsucht nicht nur zu einer weiteren Veranstaltung des Münchner Krimifestivals, sondern auch in den alten Sektionshörsaal der Rechtsmedizin. Und wieder einmal war es Prof. Dr. med Dr. med habil Matthias Graw, Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin der LMU (ich kann seinen Titel mittlerweile auswendig ;)) der uns, moderiert von Anette Lippert, in den heiligen Hallen begrüßte.

Dabei erfuhr ich sogar Details, die ich vorher noch nicht wusste: So wurden in dem alten Hörsaal bis 2007 tatsächlich noch Lehrobduktionen der Rechtsmedizin durchgeführt und mittlerweile steht der Saal sogar unter Denkmalschutz.

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Anette Lippert und Prof. Dr. med habil Graw

Außerdem plauderte der Mediziner diesmal auch über sein Privatleben, über seine Berufswahl und warum es eigentlich eher Zufall war, dass er in der Rechtsmedizin gelandet ist. Eigentlich wollte er nämlich Internist werden, aber da war dummerweise gerade keine Stelle frei. Das angekündigte Wartejahr sollte dann in der Pathologie zur Weiterbildung genutzt werden, aber nur in der Rechtsmedizin war noch ein Platz frei. Völlig unbedarft dachte er sich damals noch „Pathologie, Rechtsmedizin – ist doch eh das Gleiche“ und damit hat er dann wohl seine wahre Leidenschaft gefunden. Natürlich sind die Pathologie und die Rechtsmedizin etwas völlig anderes. Die obligatorische Erläuterung der Unterschiede stand auch diesmal auf dem Plan und ich glaube, langsam hab ich das wirklich begriffen. Wer es noch nicht weiß der kann es HIER nochmal grob nachlesen.

Anschließend folgten noch ein paar Anekdoten aus der Geschichte der Rechtsmedizin, u.a. die vom Herzstichmesser. Das dürft ihr jetzt selbst googeln. Die Art und Weise wie Matthias Graw es erzählt hat, ist sowieso unnachahmlich. Nur so viel: Es gibt leider keine Statistik, die festhält wie viele Menschen auf diese Weise ums Leben gekommen sind.

Natürlich ist im Alltag eines Rechtsmediziners nicht alles lustig und spaßig, sondern oft auch tragisch und erschütternd. Professionelle Distanz zum Beruf ist daher sehr wichtig. Man sollte die Arbeit möglichst nicht mit nach Hause nehmen, aber das ist natürlich nicht immer so einfach.

Es wird dunkel … fast wie in einem Sarg.

Dann aber ging es los, die Autoren betraten unter großem Applaus die „Bühne“, die Lichter gingen aus und es wurde richtig unheimlich: Drei schwarze Schatten vor einer blutrot erleuchteten Wand. Arno Strobel erzählte uns auch gleich noch wie er sich darauf vorbereitet hat, das Gefühl des „im Sarg liegens“ möglichst gut beschreiben zu können. Er hat sich dazu nämlich für ein paar Minuten mit offenen Augen auf den Boden eines stockfinsteren Zimmers gelegt und sich vorgestellt er wäre in einem Sarg – es muss wohl wirklich beängstigend sein, wenn man gar nichts mehr sieht. Mit diesem Eindruck hat er uns dann mitgenommen, auf die Reise zu Eva, seiner Protagonistin, in die beklemmende Enge eines Sarges … Gänsehaut!

Arno liest

Arno liest

Viele Fragen, viele Antworten …

Im Anschluss an die erste Lesung wurden beide Autoren von Frau Lippert interviewt und mit Fragen zu ihren Büchern, zu ihren Protagonisten, zum Schreibverhalten und und und gelöchert. Fragen und Antworten werden hier nun sinngemäß wiedergegeben und ich hoffe ich habe niemandem das Wort im Mund umgedreht. Manchmal ist es nicht so einfach gebannt zu lauschen, mitzuschreiben und alles im Kopf zu behalten.  🙂

Arno und Stephan im Interview mit Anette

Arno und Stephan im Interview mit Anette

Arno Strobel  und Stephan Ludwig sind zwei Autoren, die man wohl als Späteinsteiger in den Sektor bezeichnen könnte. Der eine arbeitete als IT-Experte bei einer Bank, der andere als Rundfunkproduzent. Wie kam es also dazu, dass die Beiden angefangen haben Bücher zu schreiben?

Arno hat zufällig vor 11-12 Jahren, in den Anfängen des Internets, ein Forum entdeckt, in dem die User ihre eigenen Kurzgeschichten veröffentlicht haben. Nachdem er also ein paar gelesen hatte, dachte er sich „Hey, das kann ich auch“ und schrieb darauf los. Nach kurzer Zeit wurde sogar eine dieser Geschichten für eine Anthologie angefragt und so schrieb er gut 1,5 Jahre recht erfolgreich Kurzgeschichten. Mit dem Erfolg kam der Größenwahn 😉 und damit die Idee, dass es doch sicher auch möglich sein müsste ein ganzes Buch zu schreiben. Wie wir wissen hat das – mittlerweile 6 Mal – ganz gut geklappt.

Stephan hingegen meinte, dass der Größenwahn sofort da gewesen sei. Er schrieb ja schon einige Jahre für den Rundfunk und irgendwann kam der Gedanke „Versuch’s mal mit ’nem Buch“. Er hat dann auch einfach mal die erste Szene geschrieben, sehr blutig, und da kam die Erkenntnis: „Hey, das liegt dir“. Glücklicherweise fand er dann auch sehr schnell einen Verlag, der die Idee gekauft hat und damit musste das Manuskript (das zu diesem Zeitpunkt gerade mal 50 Seiten umfasst hat) auch fertig geschrieben werden.

Anette wollte außerdem wissen, warum die Beiden gerade Krimis bzw. Thriller schreiben und nicht etwa Liebesromane. Beide Autoren waren sich dahingehend einig, dass man wohl einfach schreibt, was man selbst gerne liest und was einem am meisten Spaß macht. Schließlich will man sich bei der Arbeit ja nicht unnötig quälen. „Jeder Autor ist die Summe seiner Bibliothek“, wie Arno so trefflich bemerkte und dabei wohl eine alte Weisheit zitierte.

 

„Jeder Autor ist die Summe seiner Bibliothek“ (Arno Strobel)

Prof. Dr. Ludwig bei der Arbeit ;)

Prof. Dr. Ludwig bei der Arbeit 😉

Es ist auch immer wieder interessant zu erfahren, warum ein Autor einen bestimmten Handlungsort gewählt hat. Während Arnos Bücher im Setting wechseln, spielen die Romane um Claudius Zorn und Schröder in einer fiktiven, mittelgroßen Stadt.

Arno erklärte, dass er seine Geschichten nur in Städten spielen lässt, die ihm selbst gut gefallen. Das hat nämlich auch noch einen ganz praktischen Nutzen: Recherchereisen sollen Spaß machen. Wenn man sich eine Stadt oder eine Landschaft genauer ansehen muss, um die Atmosphäre später gut beschreiben zu können, dann sollte es schon ein Ort sein, an dem man sich auch gerne aufhält.

Stephan hingegen gab „Faulheit“ als Grund an. Natürlich mit einem Augenzwinkern. Seine Geschichten spielen in einer fiktiven Stadt, die seiner Heimatstadt Halle nachempfunden ist. Halle einfach aus dem Grund, dass er sich dort gut auskennt und sich nicht extra in eine neue Umgebung einarbeiten musste. Fiktiv, weil es ihm die Freiheit gibt auch mal Dinge zu verändern, Gebäude zu versetzen oder dazuzuerfinden, ohne dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlt. Letzteres scheint nämlich gar nicht so unüblich zu sein. Außerdem wollte er nicht in Gefahr geraten in die Regionalkrimi-Ecke abgedrängt zu werden (Ohne den Regionalkrimi hiermit herabzuwerten, er schreibt nur einfach keinen.), nur weil seine Reihe in Deutschland spielt.

Und wie sieht nun ein gutes Buch für die Beiden aus? Arno Strobel meint „Es muss direkt knallen“, der Anfang muss fesseln, es muss direkt etwas passieren, das zum Weiterlesen anregt. Nichts ist für ihn schlimmer, als wenn auf den ersten Seiten erstmal alle Figuren vorgestellt werden. Brutalität ist in einem Thriller wichtig, aber es muss nicht immer physische Gewalt sein, sondern gerne auch psychische. (Eigentlich sagte er es ja genau andersherum, aber ich verbuche das mal in der Rubrik „Versprecher“ und hoffe ihn hier nicht falsch interpretiert zu haben:-) )

Stephan Ludwig ist der Meinung: „Wenn es knallen muss, dann richtig!“. Und danach demonstrierte uns Prof. Dr. Ludwig an einem Tafelbild recht eindrucksvoll die Grundzüge eines guten Krimis. Zum Brüllen komisch!

Das Ergebnis: Klar, oder?

Das Ergebnis: Klar, oder?

Bei Thrillern und Krimis stellt sich natürlich auch immer die Frage warum da solch brutale Dinge passieren müssen. Warum die Gewalt ein solch zentrales Element darstellt und nicht einfach mit wenigen Worten abgehandelt wird.

Arno glaubt, dass man damit einen gewissen Voyeurismus bedient, der einfach in jedem Menschen steckt. Es ist der Reiz der Gefahr, die man als Leser aus sicherere Entfernung erlebt. Man sitzt auf dem Sofa, im Sessel und hat einen wohligen Nervenkitzel, kann sich aber gleichzeitig sicher sein, dass die „schlimmen Dinge“ ganz weit weg sind.  Stephan schloss sich der Meinung an und setzte hinzu, dass man Gewalt im Buch, wenn sie denn sein muss, schon bis zu einem gewissen Grad bildlich darstellen muss, um Spannung aufzubauen. Das heißt aber nicht, dass jedes blutige Detail bis ins Kleinste beschrieben werden muss. Das Prinzip „Schuss und tot“ wäre auch wirklich langweilig, oder?

Neben dem Schauplatz, der Gewalt und dem Autor gibt es ja noch die Charaktere. Warum kam –  in beiden Fällen – wieder der selbe Ermittler zum Zug und wieso gibt es eigentlich keine netten, freundlichen, rundherum glücklichen Kommissare in Büchern?

Diesmal war Stephan schneller mit der Antwort. „Faulheit!“, auch diesmal. Schließlich ist es einfacher, mit bekannten Figuren zu arbeiten, von denen man auch schon weiß wie sie beim Leser ankommen, als sich ständig neue auszudenken. Außerdem, glaubt er,  ergibt ein unglücklicher Ermittler mehr Story, mehr Background, vor dem man ihn handeln lassen kann und über den man berichten kann.
Bei Arno hingegen war die Wiederholung gar nicht geplant. Kommissar Menkhoff war plötzlich wieder da, während er an dem Roman geschrieben hat. „Und wenn du schon da bist, dann kannst du ja auch gleich ein bisschen ermitteln“ , dacht’s und setzte es in die Tat um .

Den glücklichen Ermittler gibt es einfach nicht – weder in der Realität, noch in der Fiktion. Wer ist denn schon rundherum glücklich? Jeder hat sein Päckchen zu tragen – Romanfiguren wie auch echte Menschen.

„Wenn es knallen muss, dann muss es richtig knallen!“ (Stephan Ludwig)

Und zum Schluss noch schnell eine nette Signatur :)

Und zum Schluss noch schnell eine nette Signatur 🙂

Was macht eigentlich einen guten Ermittler aus?

Stephan meinte lapidar „Kann ich nicht sagen. Meiner ist nicht gut.“ Er hat aber versprochen in Teil drei der Reihe zu erklären, warum nun eigentlich Claudius Zorn den Posten des Hauptkommissars bekleidet und nicht etwa Schröder, der das viel eher verdient hätte. Arno bezeichnet seine Ermittler eher als Beiwerk, nicht als Kern der Geschichte. Sein nächster Roman, der im Januar 2014 erscheint, wird sogar gänzlich ohne Ermittler auskommen. Aber er ist der Meinung, dass man versuchen sollte Polizeiarbeit, so man sie denn erwähnt, möglichst authentisch darzustellen.
Beide Herren verneinten die Frage, ob sie selbst als Ermittler tätig sein wollen würden, wären aber dem Mäuschen spielen bei einer echten Ermittlung nicht abgeneigt.

In beiden Romanen – „Der Sarg“ und „Zorn vom Lieben und Sterben“ geht es zu einem gewissen Teil um Kindesmissbrauch. Warum gerade dieses Thema?

Arno glaubt, dass unangenehme Themen dazu gehören. Wie das „lebendig begraben werden“ zählt wohl auch der mögliche Missbrauch des eigenen Kindes zu einer Urangst aller Eltern. Entgegen der Erwartung hat er durch die Beschäftigung mit diesem Thema aber die Einsicht gewonnen in welch heiler Welt er und seine Familie lebt und er ist nun noch bemühter, diese heile Welt zu erhalten. Schreiben ist für ihn auch eine Möglichkeit sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen und sie auf seine Weise zu verarbeiten.

Stephan Ludwig setzte hinzu, dass für ihn als 4fachen Vater Kindesmissbrauch zu einem der schlimmsten Dinge gehört, die es gibt. Er fand es aber wichtig, die Thematik im Buch nur anzureißen. Genauer ausformulieren konnten und wollten Beide nicht. Das hätte auch einer Auseinandersetzung mit dem Thema bedurft, auf einem Niveau und auf einem Weg, den beide nicht beschreiten wollten! (Ich persönlich kann ihnen dafür nur danken! Es gibt Dinge, die will glaube ich niemand lesen.)

Stephan Ludwig und Arno Strobel haben es sich zum Ziel gesetzt mit ihren Büchern die Leser zu unterhalten. Gute Unterhaltung definieren sie als ein Buch, dass man gerne und zügig liest und bei dem man es bedauert, wenn es zu Ende ist. Der Anspruch ist dabei „egal“. Soll wohl heißen, dass ein Buch kein hoch literarisches Werk sein muss, um zu unterhalten.

 … und ein kleines bisschen Spuk.

Stephan Ludwig liest

Stephan Ludwig liest

Im Anschluss an dieses interessante Gespräch durfte nun auch Stephan Ludwig aus seinem Thriller lesen. Er wählte dafür zwei Stellen die wohl ganz eindrucksvoll seine vorher aufgestellten Thesen belegten: Ja, sein Ermittler ist nicht gut und wenn es knallen muss, dann knallt es richtig! Selbst der Geist des Instituts schien begeistert zu sein, der er rückte recht eifrig die Wasserflasche über den Sektionstisch. Mit diesem sehr humorvollen Vortrag hat sich Stephan in mein Herz gelesen und ich werde dem Herrn Zorn noch eine zweite Chance geben. Vielleicht lese ich ihn ja künftig mit anderen Augen 😉 Und das ich ein Strobel Fan bin, dass wisst ihr ja sowieso!

Wird es neue Bücher geben?

Ja natürlich! Sowohl Arno Strobel als auch Stephan Ludwig arbeiten aktuell an weiteren Projekten. Während Stephan mit Claudius Zorn und seiner mangelnden Motivation im dritten Teil seiner Reihe kämpft, muss sich Arno sogar an zwei Fronten beweisen. Zum einen der bereits erwähnte Thriller „Rachespiel“, der im Januar 2014 erscheinen wird (eine Leseprobe findet ihr am Ende von der Sarg). Zum anderen das geplante Jugenbuch für den Loewe Verlag, das voraussichtlich im Frühjahr 2014 erscheinen wird – und dieses Geschichte spielt dann sogar in München. Das schreit ja fast nach einer weiteren Lesung 😉

Nach der Lesung saßen wir dann auch noch in gemütlicher Runde mit den Autoren und ihrer wunderbaren, sehr humorvollen Lektorin beim Essen bzw. Trinken. Es war ein rund herum gelungener Abend – mit orientierungslosen Autoren, missverständlicher Beschilderung, falsch gelieferter Essensbestellung und natürlich jeder Menge Spaß!  Ich bedanke mich ganz herzlich beim Team des Krimifestivals für die Organisation, bei Arno und Stephan für die Zeit, die sie sich genommen haben und bei allen die dabei waren und diesen Abend so unvergesslich gemacht haben!

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