Inhalt

Als Randolph Tiefenthaler, seine Frau Rebecca und ihre beiden Kinder Paul und Fee in die neue Eigentumswohnung ziehen, halten sie ihr Glück für perfekt. Auch die neuen Nachbarn heißen sie freundlich Willkommen. Aber Herr Tiberius, der Mieter aus dem Souterrain, wird immer absonderlicher. Aus Kuchen und kleinen Aufmerksamkeiten werden Liebesbriefe an Rebecca. Dann erstattet er  plötzlich Anzeige gegen die Familie. Tiefenthalers Leben gerät aus den Fugen, der gesamte Tagesablauf wird von der Präsenz seines Nachbarn geprägt, jede Situation des Alltags scheint unerträglich, die Angst  wird zum ständigen Begleiter. Doch Randolph und seine Frau vertrauen auf den Rechtsstaat. Ist das ein Fehler?

Dirk Kurbjuweit – Angst

Kritik

Die Geschichte ist im Prinzip erzählt wie ein Brief, den man einem Außenstehenden schreibt. Man startet bei der aktuellen Situation der Familie und erlebt dann rückblickend die Ereignisse, die dazu geführt haben. Immer wieder schweift der Erzähler in seine Vergangenheit, seine Kindheit ab, um sein Verhalten und sein Handeln zu erklären. Das gelingt ihm am Ende auch, aber gerade zu Anfang sind diese ausschweifenden Erläuterungen eher ermüdend, als spannend.

Es dauert relativ lang bis die Geschichte in Fahrt kommt und gerade in der ersten Hälfte des Buches kommt wenig von den Gefühlen des Protagonisten beim Leser an. Zwar wird ständig und viel von Angst geschrieben, wirklich nachempfinden kann man sie aber nicht. Zu Beginn habe ich selten mehr als ein paar Seiten am Stück gelesen und das Buch auch für ein paar Tage komplett weggelegt.

Das man das Buch trotzdem weiter liest liegt vor allem an der Art und Weise wie die Geschichte erzählt wird. Das Buch ist einfach geschrieben, aber irgendwie aus dem Leben gegriffen. Die Art des Erzählens wirkt so authentisch, dass es sich tatsächlich um eine reale Geschichte handeln könnte, die sich irgendwer von der Seele geschrieben hat. Als wäre es tatsächlich der Brief eines entfernten Bekannten, der einem an seinem Seelenleben teilhaben lässt.  Obwohl man dem Erzähler anfangs kaum Nahe kommt ist es dennoch auf eine gewisse Weise interessant von seinem Leben und seinen Erfahrungen zu lesen. Irgendwas an der Geschichte lässt einen nicht los und führt dazu, dass man wieder zum Buch greift, vielleicht auch gerade das Unverständnis, das man Randolphs Handlungen gegenüber manchmal empfindet. Zudem hat man ja immer noch im Hinterkopf, dass das ganze am Ende irgendwo hinführen muss.

„Wir sind, gerade in langen Beziehungen, nicht mit dem Menschen zusammen, den es wirklich gibt, sondern mit dem Menschen, den wir in unserem Kopf erschaffen, vor allem durch die Auswahl unserer Erinnerungen“ (Seite 182)

Ab der zweiten Hälfte hat mich das Buch dann aber doch noch gepackt und ich habe es in einem Rutsch gelesen. Plötzlich ist das Wort „Angst“ nicht mehr nur eine leere Phrase, man kann es verstehen. Auf einmal machen die vielen Reisen in die Vergangenheit Sinn, über deren Nutzen man vorher noch spekuliert hat. Aus irgend einem Grund macht es plötzlich ‚klick‘ und man versteht Randolph und Rebecca, man versteht warum sie sind, wie sie sind, warum sie nicht einfach aus der Wohnung ausziehen, obwohl es die logische Konsequenz gewesen wäre.

Und das Ende des Buch ist auf viele Weisen erschütternd. Vor allem hat es mir zu denken gegeben, wie oft unser Rechtsstaat eigentlich Täter schützt, wie oft man als Opfer der Willkür seiner Mitmenschen ausgeliefert ist, ohne dagegen vorgehen zu können. Wie sehr, auf der anderen Seite aber genau dieses System davor schützt, dass Andere zu Unrecht verurteilt werden. Ein zweischneidiges Schwert und dieses Buch regt an, sich mit der Thematik auseinander zusetzen und sie vor allem von beiden Seiten zu beleuchten – nicht nur aus der Perspektive eines Opfers, sondern auch aus der eines zu unrecht beschuldigten Täters.

„Für mich war das Feld frei, ich musste nicht tun, was mein Vater tat, weil ich meinen Vater ablehnte. Ich bin frei, dachte ich. Was für ein törichter Satz. Wir können unseren Eltern nicht entkommen, wir gehen ihren Weg oder wir gehen einen anderen Weg, weil wir ihren nicht gehen wollen. […] Nichts ist so tief drin wie unsere Eltern, wir werden sie nicht los“ (Seite 214)

Fazit

Der Verlag verspricht einen spannenden Psychothriller und weckt damit meines Erachtens Erwartungen beim Leser, die das Buch nicht erfüllen kann. Einfach, weil es kein Psychothriller ist. Spontan würde ich „Angst“ als Entwicklungsroman beschreiben, da es wohl den Kern der Geschichte recht gut trifft. (Zuordnung zu Genres ist aber nicht immer ganz einfach)

Dennoch ist es, wenn man sich erst einmal durch den Anfang gelesen und darauf eingelassen hat, dass hier kein klassischer Thriller vor einem liegt, eine sehr faszinierende, spannende und authentisch erzählte Geschichte, die einen mit vielen Fragen zurück lässt.

Gerade der Bezug zum Rechtsstaat, das Vertrauen unserer Gesellschaft in die Gerichtsbarkeit und unsere (gerechtfertigte) Ablehnung der Selbstjustiz, aber auch das Gefühl der Machtlosigkeit, dass daraus resultiert sind überzeugend dargestellt. Eine Geschichte die zum Nachdenken anregt und einen irgendwie erschüttert.

„Angst“ ist kein Buch, das man in einem Rutsch verschlingt, keines, das man mal eben „fressen“ kann, aber mit Sicherheit eines, das lange nachhallt. Eines, das den Leser an seine eigenen Grenzen führt und ihn vor die Frage stellt: „Was würdest du tun?“

4/5 Sternen

Dirk Kurbjuweit – Angst
erschienen, 2013 im Rowohlt Verlag
252 Seiten
18,95 € (Hardcover)
ISBN: 
978-3-87134-729-0