Inhalt: (Klappentext)

Zwischen Leben und Tod

Halbwahrheiten und falsche Vorstellungen prägen unser Bild von der Rechtsmedizin. In Filmen und Büchern bekommen wir alles andere als einen realistischen Eindruck davon, was Rechtsmedizin kann und was das Leben zwischen Tatorten und Obduktions- und Gerichtssaal bedeutet. Dabei ist die Arbeit der Forensiker oft viel spannender, als wir es aus Büchern und Filmen kennen.
Mit Elisabeth Türk gibt erstmals eine Frau tiefe Einblicke in die Wirklichkeit ihres hochinteressanten und nur vermeintlich schrecklichen Berufes. Direkt und doch diskret schauen wir der Gerichtsmedizinerin über die Schulter und erfahren, wie facettenreich die Rechtsmedizin, wie unverzichtbar sie in vielen Bereichen des Todes, aber auch des Lebens ist – illustriert an Fällen, die manchmal zu den alltäglichen gehören, manchmal zu den unglaublichen und faszinierenden.

Kritik:

Das Vorwort verspricht lehrreiche und interessante Lektüre. Und tatsächlich finden man in „Die Gerichtsmedizinerin – Wie die Wissenschaft Verbrecher überführt“ viele faszinierende Details über die Arbeit eines Rechtsmediziners .Dabei beschränkt sich Elisabeth Türk nicht auf die Schilderung reiner Fakten, sondern bettet viele Informationen in die Schilderung echter Tatumstände ein.

Leider ist auch genau das mein größter Kritikpunkt am Werk. Das Geplänkel über Nebensächlichkeiten, wie z.B., dass sie sich auf einem Weg zum Tatort verfahren hat oder die Innenausstattung ihres Wagens, ist einfach überflüssig. Diese Episoden erinnern an schlecht geschriebene Kriminalromane oder Erlebniserzählungen aus der Grundschule und trugen immer wieder dazu bei, dass ich das Buch genervt aus der Hand gelegt habe, oder mich zwingen musste weiter zu lesen. Im Gegenzug werden aber interessante Gedankengänge nur angeschnitten aber nicht weiter geführt, was diese Lückenfüller-Episoden noch ärgerlicher macht. Gott sei Dank sind diese Abschweifungen nicht zu lang, so dass man sich gut überlesen bzw. überfliegen kann.

„Es war spät in der Nacht, als das Telefon klingelte. Ich hatte schon geschlafen.
«Willst du mit zu einem Tatort?», fragte der Kollege.
Ich war sofort wach. «Ja klar»
Als der Kollege mich abholte, war ich schon lange aus dem Bett und fertig zur Abfahrt. Draußen war es kalt und regnerisch. Ich saß auf dem Beifahrersitz seines schönen Wagens, und er stellte mir die Sitzheizung an.“

Nichts desto trotz ist „Die Gerichtsmedizinerin“ spannende und wirklich interessante Lektüre. Sobald nämlich die Schilderungen vom „Privatleben“ der Autorin hin zum Fachwissen gehen ändert sich vieles: Man wird richtig gepackt, von der Art und Weise wie Dr. Türk  ihren Beruf erklärt. Die Einzelheiten sind anschaulich und verständlich dargestellt, Fachbegriffe oder Details des Arbeitsalltages werden anhand von Beispielen erläutert und man merkt, dass Frau Türk dort in ihrem Element ist. Die Strukturierung des Buches ist gut gelungen.  Kurze, thematisch sortierte Kapitel geben den groben Rahmen des zeitlichen Ablaufs der Handlungsschritte nach dem Auffinden einer Leiche wider und sorgen für ein noch besseres Verständnis.

Besonders gut hat mir gefallen, dass auch immer wieder zu den Gerichtsmedizinern im Fernsehen oder in Büchern Bezug genommen wird. Mit vielen Klischees und Vorurteilen wird aufgeräumt und künstlerische Freiheit in der Umsetzung in den Medien als solche entlarvt. z.B. bei der Bestimmung des Todeszeitpunktes oder beim tatsächlichen Aufgabenfeld eines Rechtsmediziners.

Man merkt, dass Elisabeth Türk ihren Beruf mit viel Enthusiasmus und Leidenschaft ausgeübt hat. Trotzdem äußert sie sich auch sehr kritisch gegenüber gewissen Gesetzen und Regeln und deckt Misstände auf, die den Umgang mit Toten betreffen – z.B. im Hinblick auf die ärztliche Leichenschau, deren Durchführung in Deutschland eher mangelhaft ist.

„Immer wieder werden Drosselmarken, Würgemale und sogar schwere äußere Verletzungen einfach übersehen.Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer der übergangenen Tötungsdelikte in etwa der Zahl der erkannten Tötungsdelikte entspricht oder sie sogar übersteigt. So wird geschätzt, dass in Deutschland jährlich 11.000 nichtnatürliche Todesfälle unerkannt bleiben.“ (Seite 88)

Welcher der beiden Autoren nun Anteil an welchem Bereich des Buches hat kann ich nicht beurteilen, aber ich gehe davon aus, dass das Fachwissen von Dr. Elisabeth Türk durch Herren Stuberger den sprachlichen Feinschliff erhalten hat.

Fazit:

Im großen und ganzen ist „Die Gerichtsmedizinerin: Wie die Wissenschaft Verbrecher überführt“ spannende und lehrreiche Lektüre. Leider verstecken sich viele interessante Fakten zwischen eher unnötigem Schnickschnack und an einigen Stellen wäre mir ein tieferer Einblick in die Materie lieber gewesen, als Landschaftsbeschreibungen oder hölzerne Dialoge.

Trotzdem findet man sehr interessante Schilderungen des Alltags eines Gerichtsmediziners, gespickt mit vielen Fakten und wissenswerten Informationen zu unterschiedlichen Fällen, Einsatzgebieten und Arbeitsabläufen. Besonders die immer wieder eingestreuten Hinweise zur Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion fand ich gelungen.

Ein wissenschaftliches Werk ist dieses Buch aber sicher nicht und wer auf reine Vermittlung von Wissen wert legt, der ist mit einem Fachbuch besser beraten. Wer sich einfach einen Überblick über das Arbeitsgebiet verschaffen und einen kleinen Blick hinter die Kulissen der Rechtsmedizin werfen möchte, der liegt hier genau richtig.

4/5 Sternen

Elisabeth Türk, Ulf G. Stuberger – Die Gerichtsmedizinerin: Wie die Wissenschaft Verbrecher überführt
erschienen, Februar 2012 im Rowohlt Verlag
256 Seiten
8,99 € (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-499-63008-8