Heute gibt es von mir mal wieder eine Doppelrezension, aus dem einfachen Grund, dass es viel einfacher ist NICHT zu spoilern, wenn man zusammenhängende Bücher in einem Rutsch bespricht. Ich hoffe, dass ist auch in eurem Interesse🙂

Cover-Schnipsel

Cover-Schnipsel

Inhalt

Emely ist glücklich: Ihre beste Freundin Alex zieht zu ihr nach Berlin, um dort ein neues Studium anzufangen. Einziges Manko: Alex kann manchmal ziemlich anstrengend sein. Zu allem Überfluss zieht sie zu ihrem Bruder Elyas in die Wohnung. Und den kann Emely überhaupt nicht ausstehen, seit er ihr vor Jahren das Herz gebrochen hat. Wie es der Teufel will laufen sich die Beiden natürlich ständig über den Weg und es scheint als hätte Elyas nur ein Ziel. Er will Emely in den Wahnsinn treiben.

Aber zum Glück gibt es da ja noch den geheimnisvollen Luca, den sie zwar nur über Mails kennt, der ihr Herz aber trotzdem höher schlagen lässt.
Kann man sich wirklich in einen Unbekannten verlieben? Und wieso geht Elyas ihr einfach nicht aus dem Kopf?

Kirschroter Sommer
Türkisgrüner Winter

Kritik

Band1

Oh mein Gott – ich bin verliebt. In die Geschichte, in dieses Buch, in Elyas und Emely und sogar ein bisschen in deren Freunde. Die Story ist – in einem Wort – einfach süß.

Emely und Alex sind wirklich schön gezeichnete Charaktere, die eine tiefe Freundschaft verbindet. Wahrscheinlich gerade weil sie so unterschiedlich sind. Während Emely verschlossen und introvertiert ist, nicht gerne über sich und ihre Probleme spricht, dafür aber über ein hohes Maß an Empathie verfügt, wirkt Alex geradezu wie ein offenes Buch. In erster Linie dreht sich ihre Welt um sie selbst, sie plappert ständig, ist in gewisser Weise ein sehr oberflächlicher Mensch und scheint kaum Gespür für die Gefühle ihrer Freunde zu haben. Aber das täuscht: Wenn es hart auf hart kommt, dann lässt sie alles stehen und liegen um den Menschen zur Hilfe zu eilen, die ihr am Herzen liegen und dann zeigt sich auch, warum die Freundschaft der beiden so gegensätzlichen Mädchen so wunderbar funktioniert. Obwohl man zeitweise beim Lesen das Gefühl hat, dass nur Alex von Emely profitiert, wird nach einer Weile klar, dass sich Emely ohne die quirlige Alex völlig von der Welt abschotten würde. Und Elyas? Tja, solche Männer gibt es wohl nur im Buch.

Allgemein erinnert mich Emely wirklich ein bisschen an mich, ihre Shopping Gewohnheiten oder die Art und Weise, wie sie sich selbst mehr Probleme macht als eigentlich nötig.

„Ich besaß einfach nicht dieses berühmte Shopping-Gen. Einkäufe liefen bei mir so ab: Was brauche ich? Eine Hose! Also ging ich in einen Laden, suchte nach einer Hose, schickte alle Verkäufer zum Teufel, kaufte mir, was passend aussah und ging wieder nach Hause“ (Seite 187)

Die Sprache der Autorin ist größtenteils sehr einfach und umgangssprachlich. In manchen Büchern empfinde ich das als störend, aber in diesem Fall überhaupt nicht, weil es zum Genre und zur Erzählperspektive passt, die Wortwahl entspricht der einer Anfang 20-jährigen. Die gesamte Geschichte ist aus der „Ich-Perspektive“ geschrieben, so dass natürlich auch fast jede Situation mit Emelys ausgeprägtem Sarkasmus gespickt ist. Das wirkt aber – in meinen Augen – nicht überzogen. Gerade die Dialoge empfinde ich als sehr authentisch, da sie bei uns im Freundeskreis nicht anders ablaufen und gegenseitiges ‚auf den Arm nehmen‘ einfach dazu gehört. Auch am Verhalten hab ich wenig auszusetzen. So lang ist es noch nicht her, dass ich 23 war und ganz ehrlich: Ich war absolut genau so – frei von Sorgen, manchmal schrecklich unreif, naiv und kindisch (gelegentlich bin ich das auch heute noch), manchmal klug und weise.

„Dabei waren doch gerade Bücher eines der kostbarsten Geschenke auf Erden. Kunstvoll aneinandergereihte Wörter, die zu einer Melodie wurden und sich in Bilder verwandelten. Weiße. leere Blätter, auf denen Welten größer als das Universum entstanden. Welten, die Menschen i ihren Bann zogen und alles um sich herum vergessen liesen.

Literatur war mit einem magischen Zauber belegt, der mich mit all seiner Kraft gefangen hielt. (Seite 33)“

Band2

Der zweite Teil „Türkisgrüner Winter“, ist ganz anders als der Vorgänger. Genauso fesselnd, so dass ich es ebenso wenig aus der Hand legen konnte, aber mit einer ganz anderen Intensität und Intention erzählt. Natürlich, die Geschichte geht weiter, aber während im beim ersten Teil teilweise herzlich lachend auf dem Bett gesessen habe, musste ich mir hier schon hin und wieder ein Tränchen aus den Augenwinkeln wischen. Ich habe regelrecht mit Emely gelitten.

„Wie ein vom Leben gezeichneter und ausgemergelter Straßenhund in seinen letzten Atemzügen kauerte ich vor dem kalten Porzellan des Klo und musste Schubweise miterleben, wie sich der gesamte Alkohol des heutigen Abends wieder einen Weg nach draußen bahnte.Mein Kopf hämmerte, meine Augen tränten, meine Glieder schmerzen und keinerlei Kraft wohnte ihnen mehr inne. Mein Magen war vollkommen übersäuert, mein Hals brannte wie Feuer und das Gefühl der Übelkeit wollte einfach nicht nachlassen. Gedanklich machte ich in diesem Moment mein Testament. (Seite 73)“

Ihre Gefühle sind so überzeugend und ergreifend beschrieben, dass man gar nicht anders kann, als genau das selbe zu empfinden wie sie. Auch hier hatte ich wieder überhaupt keine Probleme mich mit ihr zu identifizieren. Gerade bei den Szenen, bei denen ich ihr gerne in den Hintern getreten hätte, weil sie sich so dämlich verhalten hat, musste ich feststellen, dass ich es selbst kaum anders gemacht hätte. Authentischer geht nicht.

Alex Oberflächlichkeit und Egozentrik ging mir zwar teilweise wirklich auf die Nerven, aber Gott sei Dank gab es ja noch ein paar andere Nebenfiguren, die das wieder ausgleichen konnten und am Ende macht sie ganz viel Boden gut.

Der Schreibstil ist ähnlich wie im ersten Teil, wirkt hier aber etwas reifer, der gesamte Tenor des Buches ist weniger witzig, viel emotionaler und tiefgründiger. Gerade das macht auch diese beiden Bücher zu etwas besonderem: Sie gehören zusammen, sind aber doch ein bisschen wie Feuer und Wasser. Während der erste Teil eher von einer flapsigen und ironischen Atmosphäre geprägt ist, stehen im zweiten Teil tiefe Gefühle und Freundschaft im Vordergrund – ein bisschen wie Alex und Emely, wie Emely und Elyas, wie … sagen wir einfach, die Gegensätze der Bücher findet man auch an vielen Stellen in den Beziehungen der Charaktere wieder.

„Wahrscheinlich gab es in Zeiten, in denen es einem nicht gut ging keinen besseren Ort als jene vier Wände, in denen man aufgewachsen war. Ein Stück heile Welt, auch wenn alles andere in Schutt und Asche lag.“ (Seite 208)

Fazit

Sagte ich schon, dass ich verliebt bin? Ich hatte tatsächlich beim Lesen Schmetterlinge im Bauch, ein grenzdebiles Grinsen im Gesicht, habe mich kringelig gelacht oder fast geheult und richtig mit Emely mitgefiebert, gelitten und empfunden. „Kirschroter Sommer“ und „Türkisgrüner Winter“ sind zwei wirklich gefühlvolle, sehr romantische und rührende Geschichte ohne Kitsch. (Na gut, ein bisschen kitschig ist es schon, aber das darf es auch sein). Ich habe beide Bücher an einem Tag verschlungen. Ich konnte gar nicht anders. Aufhören? No way. Ganz, ganz großes Kopfkino. Zwei Bücher die ich jedem ans Herz legen möchte, der mit dem Genre etwas anfange kann und auf der Suche ist nach einem Buch mit viel Gefühl, um dem Alltag und all den eigenen Probleme zu entfliehen.

Natürlich wurde hier das Rad nicht neu erfunden und man kann, als leidenschaftliche Chic-Lit (früher hieß das ja wohl mal Frauenromane) Leserin diverse Parallelen zu den großen amerikanischen Vorbildern erkennen. Dennoch ist das Buch spritzig und witzig geschrieben. Die Autorin entwickelt ihren eigenen Stil – möglicherweise inspiriert durch Susan Elizabeth Philips und Jane Heller, aber ohne die beiden zu kopieren – und ist um Welten besser als die Meisten hochgelobten deutschsprachigen Kolleginnen, mit denen ich einfach kaum etwas anfangen kann, weil ihre Bücher höchstens gähnende Langeweile bei mir auslösen, aber keine tiefer gehenden Emotionen.

Aber braucht es einen dritten Teil? Eigentlich nein. Die Geschichte um „Emely und Elyas“ ist erzählt und ich kann auf kitschiges Liebesgesäusel oder erzwungene Beziehungsprobleme verzichten. Es wäre nur irgendwie interessant zu erfahren, wie es mit den ganzen Charakteren des Buches, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, weiter geht. Aber wofür hat man seine eigene Fantasie?
Von Carina Bartsch würde und werde ich aber in jedem Fall noch etwas lesen, sobald es wieder etwas Neues gibt!

Bleibt am Ende also nur noch eine Frage: Wo ist mein Elyas? Ich möchte bitte auch so empfinden können, für einen echten Menschen. Obwohl ich bei dem Buch schon echt nah dran war, an den ganz großen Emotionen ….

Ganz kurz möchte ich hier noch ein Augenmerk auf die tolle Verarbeitung legen. Beide Bücher haben keine einzige Leserille, keinen Knick, nicht mal eine Wölbung im Rücken, trotz ihres Umfangs. Das passiert bei Taschenbüchern eher selten und finde ich sehr schön. Sehen immer noch aus wie ungelesen.

5/5 Sternen (aber nur, weil nicht mehr geht)

Carina Bartsch – Kirschroter Sommer
erschienen, Januar 2013 im Rowohlt Verlag
512 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-499-22784-4

Carina Bartsch – Türkisgrüner Winter
erschienen, Januar 2013 im Rowohlt Verlag
464 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)
ISBN : 978-3-499-22791-2