Lesung mit Anthony McCarten

Foto: Vero Nefas

2012 ist das Jahr der Lesungen, wie es scheint, denn gestern war ich schon wieder auf einer – diesmal war es eine ganz besondere Erfahrung, da ich den Autor vorher gar nicht kannte und somit völlig ohne Vorwissen und ohne Erwartungen an die Sache heran gegangen bin. Und was soll ich sagen? Ich war begeistert. Aber der Reihe nach …

Vor ein paar Tagen las ich im Schaufenster meiner Stammbuchhandlung, dass es eine Lesung mit dem Lieblingsautor der Buchhändlerin geben würde. Da bei uns im Ort sonst eigentlich nie irgendwas los ist, war für mich sofort klar, dass ich dort unbedingt hin muss. Schließlich will man sich solche Veranstaltungen ja für die Zukunft erhalten. Das dachten sich wohl auch andere – denn die Veranstaltung war  fast ausverkauft. Mit gut 50 Gästen zwar ein eher kleiner Rahmen, aber dadurch nicht weniger schön. Vor allem die gemütliche Atmosphäre in der Buchhandlung war ein schöner Kontrast zu den Sektionshörsälen der letzten Male.

Es geht los …

Kurz nach 20 Uhr betrat dann auch der Star des Abends die imaginäre Bühne. Bevor es aber richtig los gehen konnte, richtete Frau Silvia Horn, die Buchhändlerin, das Wort an die Gäste. Im Zuge dessen erfuhren wir, dass diese Lesung ein Geschenk  war. Der Hintergrund ist der, dass die Buchhandlung sowie einige andere Geschäfte vor etwa 2 Jahren ausgebrannt ist und die Inhaber der Läden natürlich auf einem hohen Kostenberg sitzen geblieben sind. Der Diogenes Verlag hat reagiert und Frau Horn angeboten ihr eine Lesung zu schenken – eine wirklich großartige Geste – und so kam es dazu, dass der bekannte Autor in unserem bescheiden Ort lesen konnte/durfte/musste.

Es war schon spät😉 …

Anthony selbst schien es wenig gestört zu haben, vor so einem kleinen Kreis zu lesen und er begrüßte uns sogar auf Deutsch. Wir erfuhren auch, dass wir Gäste der Abschlusslesung seiner Deutschlandtour waren, die ihm sehr gut gefallen hat. Er lobte die vielen intelligenten, interessierten Leser, die ihm in seinen Lesungen viele positive Erfahrungen vermittelt haben und die sich sehr vom Publikum in anderen Ländern unterschieden. So erzählte er uns z.B. die Geschichte, als er einmal in den USA zu einer Lesung eingeladen gewesen war – in New York, am Times Square. Voller Vorfreude flog Anthony nach NY, erreichte die Buchhandlung/Bücherrei und rief „Here am I“ und der Angestellte sah ihn an und meinte irritiert „Who are you?“. Es stellte sich heraus, dass seine Lesung weder notiert, noch angekündigt worden war und er wurde aufgefordert sich in ein Eck zu setzen und dort zu lesen – einzig ein geistig behinderter Mann lauschte ihm …

Jetzt aber wurde das Buch in den Fokus der Unterhaltung gerückt. Es geht – laut McCarten – um das Thema „Familie und wie man sie überlebt“. Der Roman „Ganz normale Helden“ ist eine Fortsetzung zu „Superhero“, der übrigens 2011 verfilmt wurde, war aber nie als solches geplant. Eigentlich sollte es ein völlig eigenständiges Buch werden. Als Anthony aber die Handlung konzipiert hat fiel ihm auf, dass er eine Familie brauchte, die den Rahmen gab und dann kam ihm der Gedanke, dass er die perfekte Familie eigentlich schon geschaffen hat – in „Superhero“. Somit erweckte er die Charaktere „Jeff, Renata und Jim“ aus ihrere Untätigkeit und versklavte sie erneut😉

Es wurde auch darüber philosphiert, warum Menschen das Internet nutzen, wie z.B. solche Seiten wie Facebook. Anthony McCarten definiert Facebook als Industrialisierung der Freundschaft, immer verfügbare Freunde. Und für einsame Menschen kreiert das Internet die Illusion einer Gemeinschaft, so dass man sich in der virtuellen Welt als das fühlen und geben kann, dass man in der Realität gerne wäre, aber aus welchem Grund auch immer nicht sein kann. McCarten ist der Meinung, dass der Mensch eigentlich ein fauler Realitätsvermeider ist, dass das Internet uns die Möglichkeit gibt genau das auch zu sein, was wir immer sein wollten. Das positive aber ist, dass es einen Ausschalter gibt, den man aber auch zur rechten Zeit betätigen sollte

Einer der Charaktere seines Buches, Lenny, lebt aber ganz und gar in der analogen Welt – er ist Musiker, er ist unglücklich verliebt und er schreibt Songs über seine Gefühle. Und einen solchen Song hat auch Anthony geschrieben. Aber nicht nur das: er hat ihn auch vorgespielt und gesungen. Wirklich großartig. Er hat – auch beim Sprechen – eine sehr angenehme, warme und schöne Stimme, mit der er uns verzaubert hat.

Auf die Frage, was ihn zu diesem Buch oder allgemein zum Schreiben motiviert antwortet er, dass er, immer wenn ihn ein Thema interessiert über das er nichts weiß, einen Roman schreibt. Er sieht es als seine Aufgabe Fragen zu stellen und die Welt erfahren, zu entdecken und dieses Wissen seinen Lesern mitzugeben.

Allgemein ist er ein unglaublich witziger, humorvoller und sehr sympathischer Mann. So lies er seinen Übersetzer Bartholomäus (Den Nachnamen konnte ich nicht in Erfahrung bringen)  eine Szene des Buches schnellstmöglich lesen, da Jeff, die Figur die den Monolog hält, jemand ist, der sehr schnell spricht, wenn er aufgeregt ist. Und Bartholomäus hat es geschafft – in 1:24 2 Seiten vorzulesen. Nicht übel! Außerdem lieferte er uns eine sehr gelungene Imitation von Steve Jobs vor dem Hintergrund: „Was wäre wenn Guttenberg nicht den Buchdruck, sondern das E-book erfunden hätte? “ Wir haben Tränen gelacht und diese Vorstellung lässt sich auch nur mit einem einzigen Wort beschreiben. Gorgeous!

Fazit des Abends

Gelesen und Gesprochen wurde in einem bunten Mix aus Englisch und Deutsch – aber es schien, als könnten alle Zuhörer diesem rapiden Wechsel problemlos folgen.  Beschwert hat sich zumindest niemand😉

Natürlich hat Anthony uns noch viele, viele andere lustige, traurige, spannende Geschichten erzählt (er hatte z.B. kurz vor der Ankunft in Grünwald einen Zusammenstoß – im wahrsten Sinne des Wortes – mit der Polizei *g*) aber das hier alles zu schreiben würde zu Weit führen nnd alle, die nicht dabei waren, sollen doch wissen, dass sie wirklich was verpasst haben! Außerdem ist es immer schwer Situationskomik im Nachhinein in Worte zu fassen. Aber ich möchte jedem von euch ans Herz legen, eine Lesung von ihm zu besuchen, wenn sich die Gelegenheit dazu einmal ergibt.

Eintrag ins Signaturen Buch🙂

Ich wollte ja eigentlich gar kein Buch kaufen, aber weil mich der Mensch und seine Geschichten so begeistert haben, habe ich nun gleich 2 Bücher erworben und natürlich auch signieren lassen. Außerdem darf ich verkünden, dass mein Signaturenbuch nun seinen zweiten Eintrag zu vermelden hat. Persönliche Widmung mit Bezug zur Lesung. Ich bin hin und weg😉

Alles in allem war es ein wirklich gelungener Abend und ich bin froh, dass ich es nicht verpasst habe, an diesem Ereignis teilzunehmen. Ich danke dem Diogenes Verlag und der Buchhandlung Horn, dass sie dieses Erlebnis möglich gemacht haben.