„Der Audio Verlag“ hat es möglich gemacht, dass ich diese beiden wunderbaren Hörbücher hören durfte. Da es sich hier um eine Trilogie handelt, deren Inhalt aufeinander aufbaut, habe ich beschlossen die beiden Teile zusammen zufassen, um möglichst wenig vom Inhalt zu verraten. Eines aber kann ich euch schon jetzt sagen: Ich kann es kaum erwarten den dritten Teil zu hören!

Inhalt:

In einem Haus, irgendwo auf einer einsamen Insel, im Krater eines erloschenen Vulkans,  leben 64 Jungen, die nicht wissen woher sie kommen, wer sie sind und warum sie an diesem Ort leben müssen.  Sie wissen nur, dass ihre Zeit im Haus begrenzt ist, was danach passiert bleibt ungewiss. Um an der Gemeinschaft teilhaben zu dürfen, die das Einzige ist, dass in ihrem Leben tatsächlich zu existieren scheint, müssen sie sich an strikte Regeln halten und dürfen vor allem keine Fragen stellen oder eigenständig denken. Vom Aufstehen bis zum zu Bett gehen ist jede Minute des Tages verplant und durchorganisiert. Selbst die Essgeschwindigkeit. Wer aus der Reihe tanzt, wird hart bestraft. Gewalt, Ungerechtigkeiten und Demoralisierung sind an der Tagesordnung. Im Gegenzug bekommen sie warme Kleidung, ausreichend zu Essen und Gesellschaft. Auch Méto gehört zu diesen Jungen und bisher hat er sich dem System untergeordnet, aber als er unerwartet hinter einen Teil der Geheimnisse des Hauses kommt, fängt er an zu rebellieren. Dies ist der Beginn einer Schlacht um Freiheit und Selbstbestimmung, in einer durch Regulierung und Einschränkungen geprägten Welt. Wird es Méto gelingen dem Haus zu entfliehen?

Kritik:

Vorweg: Das Hörbuch ist großartig gelesen. Rainer Strecker macht seine Sache wirklich sehr gut – einfühlsam, mit der richtigen Dosis an Emotion und sprachlicher Distanz, liest er diese sehr außergewöhnliche Geschichte. Man kann ihm wunderbar zuhören, sich von der Stimme einlullen und durch die Handlung tragen lassen. Der Sprecher schafft es, diese besondere Atmosphäre, die im Buch herrscht, durch seine Stimme zu transportieren, so dass man die Geschichte regelrecht erleben kann.

Natürlich liegt das nicht nur am Sprecher, sondern auch am Autor. Yves Grevet zeichnet in seinem Roman eine sehr außergewöhnliche und eindrucksvolle Welt, die einerseits unglaublich fantastisch klingt, andererseits aber durchaus als Spiegelbild der Gesellschaft verstanden werden kann – sinnlos anmutende Regeln und Gesetze, aufoktroyierte Verhaltensweisen und Tagesabläufe, die Erwartung an möglichst regelkonformes Verhalten, Unterdrückung von Individualität oder unerwünschtem Herausragen aus der Masse. Alles, was nicht ins Weltbild der Machthaber passt, wird negiert und verpönt.

Zu Beginn des ersten Buches lernt man vor allem die Jungen, allen voran Méto und seine Freunde sowie die Abläufe im Haus kennen. Hin und wieder muss man dabei auch wirklich den Kopf schütteln, über die Art und Weise wie dort gelebt wird: Wettkämpfe gehören zur Tagesordnung, Bestraft wird nach Ermessen der Caesaren – die Aufseher im Haus – oftmals ungerecht.  Die Rivalität unter den Jungen wird eher gefördert als freundschaftliche Bande. Eine sehr interessante Idee, aber auch eine wirklich erschreckende Vorstellung, dass es solch ein Haus vielleicht wirklich geben könnte. Trotz dieser strengen Hierarchien und Strukturen, die im Haus herrschen, hat natürlich jeder Junge seinen eigenen Charakter. Méto lernt man als klug, mutig und bedingungslos loyal kennen – er glaubt selbst dann noch an seine Freunde, wenn nichts mehr für sie spricht. Aber wie überall gibt es Freund, Feind und Verräter. Wobei nicht immer jeder auf den ersten Blick als das zu erkennen ist, was er ist.

Schwer wird es nur, mit der zeitlichen und räumlichen Einordnung – sowohl das Alter der Jungen, als auch die Zeit, zu der das Buch spielt, bleiben im Verborgenen. Das macht es oftmals schwer eine klare Vorstellung von den Personen zu entwickeln. Auch der  Ort, an dem die Insel sich in etwa befinden könnte, wird nicht definiert. Das erlaubt es einem aber auf der anderen Seite auch, seine eigene Fantasie stärker in die Handlung mit einzubeziehen. Der Aufbau des Hauses selbst wird ebenfalls nur grob skizziert, so dass man den gesamten Ort in der eigenen Gedankenwelt problemlos gestalten kann.

Kritisieren kann ich nur, dass die Zusammenhänge zwischen den Personen oder Ereignissen in einigen Bereichen nicht ganz durchdacht scheinen und das Konzept noch ein paar logische Brüche aufweist.. Wobei diese kleinen – in meinen Augen – Widersprüchlichkeiten auch an der Hörbuchfassung liegen können, oder daran, dass noch nicht alle Geheimnisse aufgedeckt worden sind. So erscheint es mir im Moment z.B. noch etwas unlogisch bzw. unerklärlich, wie die Beschaffung der Jungen umsetzbar gewesen sein soll.

„Die Insel“ schließt die Handlung nahtlos an den Vorgänger an. Allgemein hat mir dieser Teil sogar noch ein bisschen besser gefallen, da ich es wirklich spannend fand, die vielen Hintergründe und Geheimnisse aufzudecken, aber auch Interesse geweckt wurde, da viele neue Fragen gestellt wurden und einiges noch offen geblieben ist. Mittlerweile fällt zwar die zeitliche Einordung nicht mehr so schwer, aber es ist immer noch völlig im Dunkeln wo dieses Insel existieren könnte. Vor alle in Anbetracht der Antworten, die man auf die Herkunft der Jungen erhält, kann man sich kaum vorstellen wo und wie das sein kann.

Gelegentlich hat das Hörbuch ein paar Längen, weil die Geschichte sich zum Teil sehr langsam entwickelt. Es folgt hier kaum Actionszene auf Actionszene, sondern eher der Gesamtzusammenhang ist fesselnd und treibt einen dazu weiter zu hören. Vor allem in der Mitte des ersten Teils gab es eine Phase, in der ich mich schon etwas dazu zwingen musste weiter zu hören.

Spannend ist aber nicht nur die offensichtlich erzählte Geschichte, sondern vor allem auch die zwischen den Zeilen. Wie schwer es ist seinen anerzogenen Verhaltensmustern zu entfliehen, wie viel Sicherheit einem gewohnte Umgebung bieten kann, selbst wenn sie alles andere als sicher ist, wie sehr sich der Mensch danach sehnt irgendwo dazu zu gehören und was er dafür in Kauf nimmt.

Fazit:

Méto ist für mich eine wirklich tolle, vordergründig sehr spannende, aber auch tiefgründige Geschichte und sicher nicht nur ein Jugendbuch. Bisher gefällt mir nicht nur die Idee des Autors (sicher, es ist nicht neu, dass von einem Ort erzählt wird, an dem Kinder gefangen gehalten werden) sondern vor allem die Umsetzung. Interessante, gut gezeichnete Figuren, ein komplexes Gefüge aus Gedanken und Handlungen, Gesellschaftskritik, eingebettet in eine fantastische Welt aus Macht, Intrigen und Freundschaft. Gerade, das  Freundschaft und Treue einen so hohen Stellenwert in diesem Buch einnehmen, gefällt mir sehr gut.  In diesem Fall gibt es von mir eine klare Hörempfehlung für eine abwechslungsreiche, aber wenig temporeich erzählte Geschichte, die man trotz kurzen Längen gerne hört. 1 Stern Abzug gibt es, weil es erst der zweite Teil geschafft hat, mein Interesse wirklich zu wecken. Hätte ich nach dem ersten Teil nicht das Angebot bekommen, auch den zweiten Teil zu hören, dann hätte es vermutlich eine Weile gedauert, bis ich mich aufgerafft hätte die Geschichte fortzusetzen.

4/5 Sternen 

Yves-Grevet – Das Haus 

Der Audio Verlag, Mai 2012
Sprecher: Rainer Strecker
3 CDs, Laufzeit ca. 237 min
14,99 €
ISBN 978-3-86231-184-2

Yves Grevet – Die Insel 

Der Audio Verlag, Oktober 2012
Sprecher: Rainer Strecker
3 CDs, Laufzeit ca. 237 min
14,99 €
ISBN 978-3-86231-196-5