Inhalt:

Lünen 1349: Die junge Anna leidet unter ihrem gewalttätigen Vater. Als er für drei Tage eingesperrt wird, weil er seine Schulden nicht bezahlen kann, nützt sie die Gelegenheit und flieht. Sie will nach Bremen, die Heimatstadt ihrer Mutter, um endlich in Frieden leben zu können. Auf ihrem Weg trifft sie auf Garwin, einen Waisen in ihrem Alter. Die beiden beschließen zusammen zu reisen und sich als Geschwister auszugeben, um weniger aufzufallen, nicht ahnend, dass ihnen diese kleine Notlüge irgendwann einmal große Probleme bereiten wird. In Bremen angekommen ist den beiden das Glück hold: Garwin bekommt eine Lehrstelle bei einem angesehenen Holzschnitzer und Anna etabliert sich als angesehene Schneiderin und Seifensiederin. Obwohl Anna für ihren Vater eine falsche Spur legt ist er ihr schon bald dicht auf den Fersen. Er ist näher als sie ahnt, er ist brutal, er ist wütend, er ist unbarmherzig und er sinnt auf Rache …

Kritik:

Wie viele meiner Lesen wissen, bin ich kein Fan des klassischen historischen Romans in der Form: „Starke, aber gequälte Frau findet, ganz allein, ihren Weg in einer, von Männern dominierten Welt“. Vielleicht einer der Gründe, warum mir die Romane (es gibt bisher zwei) von Caren Benedikt so gut gefallen. Natürlich ist die Protagonistin hier wieder eine Frau, die aus ihrem Leben ausbricht, um es andernorts besser zu haben. Und natürlich gelingt es ihr. Der Unterschied ist aber, dass sie eben genau das nicht alleine schafft. Sie hat Freunde an ihrer Seite, u.a. auch mächtige Männer, die ihr diesen Aufstieg ermöglichen. Zudem finde ich die Geschichten einfach ansprechend, im Gegensatz zu vielen anderen des Genres.

Ein anderer, viel bedeutenderer Grund sind aber die Charaktere selbst: Allesamt sympathische und liebenswerte Figuren mit Charakter, mit denen man sich gut identifizieren kann und die man gerne auf ihrem Weg begleitet. Natürlich sind sowohl Anna und Garwin, als auch ihre neuen Freunde vom Schicksal gezeichnet, aber das gehört zu diesem Genre einfach wie der Mord zum Krimi. Und es würde einen auch irgendwie verwundern, wenn der Pöbel im Mittelalter plötzlich ein angenehmes Leben gehabt hätte. Das würde schließlich so ziemlich allem widersprechen, was man sich je im Geschichtsunterricht mühsam an Wissen erarbeitet hat😉 Aber auch die Schurken sind gelungen: Man kann die einen aus vollem Herzen verachten, aber bei anderen auch deren menschliche Seite entdecken und ein gewisses Verständnis für ihr Handeln aufbringen. Es ist nicht immer alles nur schwarz oder weiß – auch nicht in diesem Roman.

Die angenehm erzählende Art der Autorin trägt das Übrige dazu bei, dass man in diese Geschichte von der ersten Seite an tief eintauchen kann und die Protagonisten begleitet, als wäre man selbst dabei gewesen,- Ihre Freude, ihre Trauer und Angst sind fast spürbar.

Die Geschichte selbst besteht aus zwei Handlungssträngen, die zu einem spannenden Ende zusammenlaufen. Man begleitet einerseits Annas Flucht und ihren, nicht immer ganz einfachen, Weg nach Bremen sowie ihr neues Leben in der großen Stadt. Andererseits erlebt man auch die Gegenseite, erfährt Helmes Geschichte und erlebt seine Jagd auf Anna, von Lünen über Köln bis nach Bremen.

Die Authentizität der Sprache kann ich nicht beurteilen. Sie ist durchaus auf eine gewisse weiße als „modern“ zu bezeichnen, die Autorin bedient sich aber einer altertümlichen Schreib- bzw. Sprechweise. Es reicht in jedem Fall aus, um sich in der Zeit zurück versetzt zu fühlen. Man sollte auch nicht vergessen, dass es sich hierbei um einen Roman aus dem 21, nicht um einen aus dem 14 Jahrhundert handelt. Es wäre- in meinen Augen – eher lächerlich als überzeugend, wenn dem Sprachgebrauch unserer Zeit gänzlich widersprochen würde.

Die historischen Hintergründe um den Zeitraum, in den die Handlung des Romans eingebettet ist, sind gut recherchiert, wodurch „Die Duftnäherin“ zu einer gelungen Mischung aus Fakten und Fiktion wird. Historisch belegte Persönlichkeiten treffen auf fiktive Figuren und bekommen dadurch ein ganz neues Leben eingehaucht. Gefällt mir gut.

Am Ende hätte ich mir nur einen etwas längeren Showdown gewünscht, aber das tut dem Vergnügen an sich keinen Abbruch. Außer, dass ich gerne noch ein paar Seiten mehr gelesen hätte😉

Fazit:

Ein wirklich gelungener, fesselnder Roman, eingebettet in die historische Kulisse des 14 Jahrhunderts in Deutschland. Man begleitet liebenswerte Charaktere auf ihrem Weg in ein neues, besseres Leben, bangt, hofft, lacht und leidet mit ihnen. „Die Duftnäherin“ ist eine sehr gelungene Unterhaltung, angenehme Sprache und ein spannender Plot sorgen für großes Lesevergnügen. Ich habe die 613 Seiten an einem Abend verschlungen – und eigentlich müsste man zu diesem Buch gar nicht mehr sagen😉 Absolute Leseempfehlung von mir für alle Fans dieses Genres, aber auch für diejenigen, die damit eigentlich nichts anfangen können. Und ich erwarte mit Spannung die weiteren Bücher von Caren Benedikt.

5/5 Sternen

Über die Autorin:

Caren Benedikt wurde 1971 in einer norddeutschen Kleinstadt geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten arbeitete sie als freie Journalistin.  Heute lebt sie, zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern, in einem kleinen Ort bei Bremen. Sie hat bisher zwei historische Romane veröffentlicht: Die Feinde der Tuchhändlerin (2011) und Die Duftnäherin (2012) . Weitere Werke sind in Planung.

Caren Benedikt – Die Duftnäherin
erschienen, 2012 bei Weltbild Verlag
613 Seiten
10,99 € (Hardcover)
ISBN: 3863654951