Inhalt:

Zebulon Shook, der Mann aus den Bergen, ist für den Tod der Halb-Shoshonin, Halb-Irin ‚Nicht-hier-nicht-da‘ verantwortlich. Aus Rache verflucht sie ihn kurz vor ihrem Ableben, und von da an wandert der gesetzlose Mountainman, an der Grenze zwischen Leben und Tod, durch ein tristes und sprödes, dem Goldrausch verfallenes, Amerika, taumelt von einer Schießerei zur Nächsten, pokert hoch, gewinnt viel, verliert alles. Immer auf der Jagd nach und gleichzeitig auf der Flucht vor sich selbst, feiert er einen Exzess nach dem anderen, fängt sich eine Kugel ein und steht wieder auf, weiß nicht, ob er noch lebt oder längst ein Geist ist.  Auf seinem Weg wird er von seinem Halbruder Hatchet Jack und der schönen Hure Deliah begleitet, die ihn verraten, verkaufen und wieder retten. Zebulon lebt immer am Limit, immer mit der Waffe im Anschlag und ist zu allem bereit.

Kritik:

Es gibt Bücher die liest man in einem Rutscht, verschlingt sie geradezu und denkt am Ende nur „WOW“. Es gibt Bücher, die man nach einigen Seiten genervt zur Seite legt und besser nicht noch einmal aufschlägt und es gibt „Zebulon“ – ein Buch, das man in regelmäßigen Abständen aus der Hand legen will, weil es einen in fast in den Wahnsinn treibt und es nicht schafft, weil man sich dem Sog der Geschichte einfach nicht entziehen kann. Dabei kann man nicht mal genau definieren was es ist, das einen an der Geschichte festsaugt, Seite um Seite vorwärts treibt, dazu bringt mit dem Helden, der gar kein Held ist, durch dieses unwirkliche Amerika zu reisen, zur stolpern, zu jagen … Sind es die unwirklichen Szenen, der Hauch des mystischen, die nebulösen, faszinierenden Charaktere, die unzähligen Abenteuer oder ist es der Irrsinn, der an jeder Ecke lauert?

Zu Beginn erinnerte mich das Buch ein bisschen an die Samstag-Nachmittage vor dem dem Fernseher, damals in meiner Kindheit, als ich mir zusammen mit meinem Vater Western ansah: Geschichten um schießwütige Kerle, schöne Frauen, große Helden und einsame Wölfe. Aber schon bald wird klar, dass man „Zebulon“ mit diesen Filmen kaum vergleichen kann, auch wenn die Art des Erzählens unweigerlich solche Bilder im Kopf des Lesers entstehen lässt, die sich fast schon zu einem Film verdichten. Rudolph Wurlitzer schreibt mit einer solchen Intensität, dass man die Geschichte fast fühlen, riechen und schmecken kann. Somit ist dieses Buch nicht nur von der Handlung her, sondern auch sprachlich ein echtes Erlebnis. Der Stil des Autors ist zwar durchaus eigenwillig, aber sehr fesselnd, wenn man sich erstmal eingelesen hat. Da wären z.B. der leicht sarkastische Unterton, der sich durch viele Szenen des Buches zieht, die vielen unlogischen Dialoge, die einen aber nicht abschrecken oder das abtauchen in abstrakte, mystische Ebenen … Der Name der zu Beginn getöteten “Nicht-hier-nicht-da” schwebt permanent über der Story, wie ein leises Mantra und scheint dem Roman einen roten Faden zu geben, der sich konsequent durch die Seiten zieht. Man ist immer irgendwo, aber nie hier und nie da.

„>>Weißt du wer ich bin?<< Ihre Stimme war ein leises Flüstern, wie ein Frösteln in Baumwipfeln. >>Ich bin die eine, die in finsterer Nacht auf Erlösung ausgeht, die in den Träumen im inneren von Träumen gefangen ist. Weil ich meinen Weg verloren habe, bin ich die Geisel von allem, was zwischen den Welten schwebt. Dich eingeschlossen<<“ (Zitat, Seite 138)

Diesen Roman kann man kaum in Worte fassen. „Zebulon“ ist eine Such nach sich selbst, nach dem Sinn des Lebens, nach dem Anfange und dem Ende, nach allem und noch viel mehr, nach nichts und noch weniger. Eine psychedelische Reise durch ein fast vergessenes, kaum noch vorstellbares Amerika in der Mitte des 20 Jahrhunderts, an der Seite eines wenig heldenhaften Protagonisten, der einen zugleich abstößt und unwiderstehlich anzieht.

Zebulon Shook ist ein faszinierender Charakter, ein Mann, der sich durch nichts und niemanden von seinen Wünschen und Zielen abbringen lässt – schon gar nicht vom Tod. Selbst dann nicht, wenn er sein Ziel noch gar nicht kennt.  Er kann warmherzig und gefühlvoll sein und nur eine Sekunde später, ohne Rücksicht auf Verluste, kalt und herzlos handeln. Er nimmt alles, wovon er denkt, dass es ihm gehört, er fragt nicht, er bittet nicht. Und trotz seines offensichtlich unsympathischen Wesen fühlt man sich mit ihm merkwürdig verbunden, leidet mit ihm, fiebert mit ihm mit, bangt um ihn und wünscht sich, ihn am Ende retten zu können.

Fazit:

Obwohl sich „Zebulon“  mit DEM amerikanischen Thema, dem Mythos der Eroberung des (wilden)Westens, beschäftigt, spielt der Roman dennoch fernab jeder „Western- Romantik“ Ohne Schönmalerei, ohne Helden, ohne Illusionen. Ohne Happy End? Es ist fraglich, ob der Roman überhaupt ein Ende hat, denn der Film läuft im Kopf noch weiter. Dieser Roman ist wie eine Zeitreise in ein längst vergessenes Amerika um 1950, ein unglaubliches, phantastisches Abenteuer auf dem Weg von Mexico nach Kalifornien. Auch wenn ich manchmal versucht war das Buch aus der Hand zu legen, oder es gar für ein paar Tage aus der Hand legen musste, um es zu verarbeiten, kam ich nicht umhin gebannt weiter zu lesen. Ich werde wohl noch den ein oder anderen Roman von Rudolph Wurlitzer in die Hand nehmen, auch wenn ich ihn auf Englisch werde lesen müssen, da „Zebulon“ das bisher einzige Buch ist, das ins Deutsche übersetzt wurde.

Und ich glaube auch,  den Grund verstanden zu haben, warum die anderen Romane des Autors bisher nicht für den Deutschen Markt erschlossen worden sind. Ich denke, dass die Mehrheit der Leser sich auf einen solchen Roman gar nicht einlassen will, oder kann. Ich befürchte, dass es für unseren Raum in vielen Dingen „zu Amerikanisch“ ist, zu abgehoben. Es bedarf schon einer Menge „Kopf abstellen“, um dieses Buch in vollen Zügen genießen zu können, um es wirklich zu erleben und zu verstehen- oder zumindest den Versuch unternehmen zu können es zu begreifen.

Mit dieser Rezension habe ich über das Buch vielleicht nicht alles gesagt, was es zu sagen gibt, aber alles, was ich ihm Moment sagen kann und dennoch habe ich das Gefühl nichts gesagt zu haben. Trotz der 5 Sterne bin ich hier mit der Leseempfehlung vorsichtig. Es ist sicher kein Buch für den Mainstream, kein Buch für den Genussleser, der sich Abends berieseln lassen will, kein Buch für den Vielleser, der durch Bücher hindurch preschen will und kein Buch für den Wenigleser, der sich schon mit einem Groschenroman überfordert fühlt. Aber es ist ein Buch für alle, die offen sind etwas Neues zu wagen, sich auf diese hypnotische Reise und Zebulon Shook einzulassen.

5/5 Sternen

Rudoplh Wurlitzer – Zebulon
erschienen, 2012 im Residenz Verlag
301 Seiten
22,90 € (Hardcover)
ISBN: 9783701715961

Über den Autor:

Rudolph Wurlitzer wurde 1937 in Cincinnati, Ohio, geboren. In den 40 Jahren seiner Karriere als Autor schrieb er  fünf Romane: Nog (1969), Flats (1971), Quake (1974), Slow Fade (1984) und The Drop Edge of Yonder (2008), welcher als einziges ins Deutsche übersetzt wurde. Zudem arbeitet Wurlitzer als Drehbuchautor u.a für Bernardo Bertolucci  „Little Buddha“. Er ist ein Nachkomme des berühmten „Rudolph Wurlitzer“, des Erfinder des Wurlitzers.

Heute lebt er in New York und Nova Scotia.

Vielen Dank an Blogg dein Buch und den Residenz Verlag, dass ich dieses wunderbare Buch erleben durfte!