Inhalt:

Der Stararchitekt Julian Götz ist des Mordes an seiner Familie angeklagt. Alles deutet auf ihn als Täter hin, aber er beteuert seine Unschuld. Ben, ein relativ erfolgloser Autor, verspricht sich von der Story den großen Durchbruch und fängt an zu recherchieren und zu graben. Dabei verstrickt er sich mehr als ihm Lieb ist in den Fall und bald weiß niemand mehr, vor allem nicht Ben, was Wahrheit und was Einbildung ist.

Kritik:

„Der Architekt“ ist wieder einmal ein Buch, dass ich nur schwer bewerten kann. Das liegt zu einem großen Teil an den Charakteren. Keine Figur ist wirklich sympathisch, sie bleiben die gesamte Geschichte durch blass und nur oberflächlich beleuchtet. Gerade bei einem als „Psychothriller“ klassifizierten Buch erwarte ich mir etwas anderes. Vor allem etwas mehr Psyche. Zwar verhält sich Ben, der Protagonist, wie ein durchgeknallter Irrer, aber das ist nicht zwingend das, was ein gutes Buch ausmacht. Ok, zugegeben: eigentlich verhalten sich alle Charaktere als würde ihnen eine längere Therapie nicht schaden. Die Beziehungen zwischen den Figuren sind nicht wirklich einleuchtend, die Gespräche und das Verhalten absurd bis lächerlich und in den wenigsten Fällen nachvollziehbar. Viele der geschilderten Situationen waren so weit an der Realität vorbei (z.B die Szene in der 2 DNA Proben an ein Vaterschaftstestlabor geschickt werden, um herauszufinden ob die Proben überein stimmen. Das Ergebnis des Tests sollte dann auch noch in weniger als 24 Std. vorliegen ^^), dass es schon fast traurig ist.

Der Roman selbst erzählt im Grunde drei verschiedenen Handlungsstränge, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Die Geschichte um Ben, seinen Roman und den Mörder Julian Götz, die Geschichte um Mia und den Auftakt des Buches, das man vielleicht als „Prolog “ bezeichnen könnte, dessen Personen aber im Laufe des Romans nicht mehr vor kommen. Verwirrt? Ja, ging mir auch so. Prinzipiell sind diese Perspektivenwechsel eine gute Idee und auch ein gern verwendetes Stilmittel. Hier aber kann ich mich nicht wirklich damit anfreunden. Vielleicht auch deshalb, weil der Erzählstrang um Mia so völlig abgedreht ist. Man kann zwar ab einer gewissen Zeit die Verbindung zur Haupthandlung erahnen, aber der Versuch diese Szenen psychedelisch zu formulieren ist in meinen Augen gründlich misslungen. Unverständlich trifft es eher. Klar, es liest sich als wäre man – oder besser die Figur – auf einem schlechten Trip, allerdings wären gelegentliche „Aha – Effekte“ während des Lesens nicht nur schön, sondern auch nötig gewesen, um den Leser zu unterhalten.

Im Prinzip liest man dieses Buch nur weiter, weil man hofft, dass man am Ende noch positiv überrascht werden wird und die Verwirrungen aufgelöst werden. Man erwartet unterbewusst, dass der Autor irgendwie eine vernünftige Auflösung liefern kann. Das hätte den Leser mit einem guten Gefühl entlassen und die vorherigen Ungereimtheiten etwas weniger schlimm erscheinen lassen. Leider bleiben aber auch am Ende noch zu viele Fragen offen – und nicht solche, die einen interessiert weiter grübeln lassen, sondern solche auf deren Beantwortung man ungefähr 300 Seiten gewartet hat. Schade.

Auch sprachlich ist dieses Buch kein Meisterwerk. Der Autor bedient sich einer sehr einfachen Sprache, was ja prinzipiell nicht schlecht sein muss, hier wirkt es aber bisweilen hölzern und unfertig. Die Geschichte ist  aber vor allem verwirrend erzählt, so dass man zum Teil manche Abschnitte mehrmals lesen muss um den Sinn zu begreifen. Auch die vielen sinnfreien und unrealistische bzw. unwirkliche Dialoge machen beim Lesen wenig Freude.

Der Anfang des Thrillers ist wirklich gelungen, der Autor schürt Interesse beim Leser und baut Spannung auf, die aber leider im Verlauf der Handlung immer weiter abflacht. Die Idee der Verbindung von Psyche und Architektur finde ich sehr schön, aber irgendwie ist sie zu kurz geraten, nicht völlig durchdacht und umgesetzt worden. Auch viel es mir schwer die beschriebenen Häuser (allen voran das von Julian Götz) vorzustellen. Zwischenetagen? Geheimgänge? Hmmm …

Fazit:

Die Grundidee der Geschichte gefällt mir, eine Story die richtig Potential hat und viel Spannung verspricht. Was der Autor daraus macht ist leider nur mittelmäßig – und vielleicht nicht mal das. Unsympathische, nicht nachvollziehbar agierende Figuren, realitätsferne Situationen und eine wenig überzeugende Sprache lassen mich maßlos enttäuscht zurück. Ich hatte zu Beginn wirklich hohe Erwartungen an das Buch und die ersten Kapitel versprachen eine spannende Story. Die Ernüchterung kam aber relativ bald und am Ende bereue ich nicht nur den Kauf, sondern auch die investierte Zeit. Zwei Sterne deshalb, weil ich es trotz aller Kritik zu Ende lesen konnte. So war die Geschichte immerhin interessant genug, um das Ende erfahren zu wollen. Eine Leseempfehlung wird es aber von mir nicht geben.

2/5 Sternen

Jonas Winner – Der Architekt
erschienen, 2012 im Droemer Knaur Verlag
378 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)

ISBN 978-3-426-51275-3