Inhalt:

Indien 1984: In einem kleinen Dorf außerhalb von Bombay bringt die junge Frau Kavita ein Mädchen zur Welt. Es ist bereits das Zweite. Sie weiß genau, dass auch dieses Kind in ihrem Dorf nicht überleben wird, da sich ihre Familie kein Mädchen leisten kann. Sie bringt das Neugeborene in ein Waisenhaus und hofft, dass sie ihm damit die Chance auf ein Leben gibt.

Zur selben Zeit auf der anderen Seite der Welt, in Amerika, verliert Somer Thakkar ist zweites Kind während der Schwangerschaft. Kurz darauf erfährt das Ärzteehepaar, Somer und ihr Mann Kris, dass sie nie Kinder werden haben können. Nach langen Diskussionen beschließen die beiden ein Mädchen aus Indien, Kris Heimatland, zu adoptieren.

Wie werden diese beiden Familien, die sich so fern sind und durch das gemeinsame Kind doch so untrennbar miteinander verbunden, ihr jeweiliges Schicksal meistern? Kann Liebe alle Schwierigkeiten überwinden?

Irgendwann ist die Familie die du gründest wichtiger als die, in die du hineingeboren wurdest. (S.377)

Kritik:

Normalerweise interessiere ich mich wenig für die „Leserstimmen“ die auf ein Buch gedruckt wurden, da sie zumeist nicht viel aussagen. Hier ist das anders. Dieser Roman ist wirklich fesselnd, klug, lebendig und herzzerreißend. Von Beginn an taucht man in die Geschichte ein, lebt und leidet mit Kavita und Somer und empfindet tiefes Mitgefühl für die beiden Frauen, die vom Schicksal so hart getroffen wurden. Vor allem Kavitas Schmerz kann sich jede Mutter vorstellen, ihre Ängste und Sorgen sind so realistisch dargestellt, dass sie einem beim Lesen die Kehle zu schnürt.

In relativ kurzen Kapiteln, mit jeweils wechselnder Perspektive auf eine der Figuren, erzählt Shilpi Somaya Gowda sehr glaubwürdig, die völlig unterschiedlichen und doch so ähnlichen Geschichten zweier Frauen aus zwei gegensätzlichen Welten.

Zum einen die von Kavita, einer jungen Inderin, die mit ihrem Mann Jasu verheiratet wurde, die in ihrem Land kaum Rechte hat, aber dennoch stark, klug und mutig ist und ihren Partner in all seinen Entscheidungen unterstützt um das Wohl das Familie zu sichern.

Auf der anderen Seite steht Somer, eine junge, ambitionierte Ärtzin mit Aussicht auf eine großartige Karriere. Sie heiratet ihren Mann Kris aus Liebe, hat alle Rechte und Möglichkeiten der Welt und braucht doch Jahrzehnte um sich selbst zu finden.

Die Leben und vor allem die Schwierigkeiten der beiden Familien, aber auch ihre Entwicklungen sind ergreifend und berührend geschrieben, ohne kitschig oder überzogen zu wirken. Dies geschieht auch dadurch, dass der Fokus der Handlung nicht allein auf den Frauen liegt, sondern auch die beiden Männer, die Familien und natürlich die Tochter Asha „zu Wort“ kommen.  Durch diese Wechsel wird die Geschichte noch interessanter und vielseitiger. Diese Spannung hält sich bis zum Schluss, ohne dass man das Buch irgendwann aus der Hand legen will. Manchmal muss man das aber tatsächlich tun, um die Geschichte sacken zu lassen, um über das gelesene nachdenken zu können und manche Eindrücke zu verarbeiten. Auch am Ende kann man das Buch nicht einfach zuklappen und weiter machen, da durchaus ein paar Tränen fließen (können). Daher fand ich es sehr spannend und schön dieses Buch im Zuge einer Leserunde mit anderen zusammen zu lesen.

Das Indien, das die Autorin hier beschreibt wirkt lebendig, man glaubt fast den Geruch der durch Mumbais Straßen zieht riechen zu können, man fühlt fast die Sonne auf der Haut und den Wind im Haar. Die indischen Wurzeln der Autorin durchdringen dieses Buch auf jeder Seite. Man erfährt viel interessantes über die Indische Kultur und Traditionen. Die Schilderungen Amerikas dagegen sind relativ blass und bescheiden, aber es ist auch gar nicht nötig das Land (oder die westlichen Lebensgewohnheiten), das den Meisten von uns relativ geläufig ist näher zu erläutern. Trotzdem werden die Unterschiede dieser beiden Kulturen u.a die Stellung der Frau, die Extreme zwischen Arm und Reich, sehr deutlich.

Das Buch ist sehr gut zu lesen, die Sprache ist zwar einfach und eingängig, aber nicht zu simple. Durch die Verwendung des Präsens gelingt es noch besser in die Geschichte einzutauchen und sozusagen „aktiv“ am Leben der Protagonisten teilzunehmen. Sehr erfreulich ist vor allem die fehlerfreie Verwendung dieser Zeitform.

Einzig das kursiv geschriebene Indisch, dass relativ häufig in den Fließtext und vor allem in die Wörtliche Rede gestreut wird, hat mich irgendwie gestört. Zwar gibt es am Ende des Buches ein Glossar, das alle verwendeten Begriffe übersetzt, aber man möchte beim Lesen ja eigentlich nicht ständig hin und her blättern müssen. Ich kann mich mit diesem Stilmittel (das man ja derzeit in vielen Büchern beobachten kann) einfach nicht anfreunden.

Fazit:

Geheime Tochter ist ein wunderschönes Buch, das einen innehalten lässt, das man nicht nur liest, sondern erlebt, ein Buch, das zeigt, dass man seinen Weg gehen muss und man immer eine Lösung finden kann, wenn man nur will. Ein sehr bewegender Roman, der kein Auge trocken lässt. Ohne Kitsch und Trivialitäten erzählt die Autorin eine Geschichte von der reinsten Liebe zwischen Mutter und Tochter, von Familie und ihrer Bedeutung, vom Leben und Sterben in so unterschiedlichen Welten wie Indien und Amerika. Dabei sind die indischen Wurzeln der amerikanischen Autorin sehr deutlich zu spüren.

Ich hab sehr, sehr lange kein Buch mehr gelesen, dass derart einfühlsam, authentisch, faszinierend, eindringlich und ergreifend von Liebe und Zuneigung, Vertrauen und Familie erzählt. Absolute Leseempfehlung für diesen Roman.

5/5 Sterne

Shilpi Somaya Gowda – Geheime Tochter
erschienen, 2012 im KiWi- Verlag
423 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)