Foto: (c) Krimifestival München/Sabine Thomas

München zittert wieder

Anlässlich des Münchner Krimi Herbstes darf wieder gezittert werden. Viele hochkarätige Autoren werden uns die nächsten Wochen noch das Fürchten lehren, u.a. Nele Neuhaus, Karen Rose, John Katzenbach und Joy Fielding. Gestern, am Dienstag den 4.9.2012 fand zum Auftakt des Festivals mit Max Bentow („Der Federmann“),  die Premierenlesung zu seinem neuem Roman „Die Puppenmacherin“ statt. Für einige der Veranstaltungen gibt es noch Karten unter http://www.krimifestival-muenchen.de/

Voller Vorfreude machte ich mich also gestern auf den Weg zum alten Sektionshörsaal des pathologischen Institutes, um die restlos ausverkaufte Veranstaltung zu besuchen. Wie schon bei meiner letzten Lesung anlässlich des Münchner Krimifestivals saß ich in dem alten Gebäude, mit Blick auf den ausrangierten Sektionstisch, den gekachelten Boden und es fühlte sich fast an als wartete man auf den Beginn einer öffentlichen Obduktion. Nur die Mikrophone und Buchplakate sowie zahlreiche Exemplare der Bücher des Autors erinnerten an den Zweck des Besuchs.

Kurz vor Beginn der Lesung herrschte noch reges Treiben im fast bis auf den letzten Platz besetzen Hörsaal. Aufgeregte Gespräche sorgten für eine recht laute Geräuschkulisse, gespannte Erwartung lag in der Luft und das triste Grau vor den Meter hohen Fenstern sorgte für die richtige Atmosphäre. Erstaunlicherweise waren hauptsächliche ältere Leser, überwiegend Frauen und kaum junges Publikum anwesend. Ich hätte ja erwartet, dass gerade die jungen Leser Fans des Spannungsgenres sind.

Foto: Vero Nefas

Pünktlich um 19 Uhr betrat Sabine Thomas, eine bekannte Münchner Autorin und Moderatorin, die „Bühne“ um die Gäste zu begrüßen. Leider musste die geplante Einführung mit Prof. Dr. med. Graw, dem Leiter des Rechtsmedizinischen Institutes ausfallen, da er kurzfristig zu einem Tatort gerufen worden war. Ich bin ja fast gespannt ob man die Tage davon etwas in der Zeitung lesen wird. Eigentlich hätte uns Dr. Graw die Unterschiede zwischen Pathologie und Rechtsmedizin näher erläutern sollen. Gott sei Dank hat er aber Frau Thomas eine kurze Unterweisung gegeben, sodass sie uns in ein paar Sätzen über einen – vor allem in der Unterhaltungsliteratur – oft begangenen Fehler aufklären konnte: Der Unterschied zwischen Pathologie und Rechtsmedizin.

Pathologen untersuchen vor allem Gewebeproben aus Kliniken, oder von Ärzten zur medizinischen Diagnose. Zudem dient ihre Arbeit der Qualitätssicherung im medizinischen Bereich. Obduktionen führen sie nur bei natürlichen Todesursachen durch, sofern die Angehörigen des Verstorbenen einverstanden sind. Dies dient in erster Linie der Rückversicherung der Ärzte in Bezug auf die Richtigkeit ihrer Diagnosen, oder um familiäre Risikofaktoren aufzudecken (z.B. bei Erbkrankheiten). Grob gesagt kann man sagen: Pathologen arbeiten am lebenden Patienten, oder zum Schutz der Angehörigen. Dem gegenüber stehen die Rechtsmediziner die es – in Bezug auf Gewebe – zumeist mit Toten zu tun haben, sie klären also Todesursachen. Natürlich ist das Arbeitsfeld der Rechtsmedizin noch um einiges umfangreicher als das reine Obduzieren. Auch forensische Molekularbiologie, also z.B. DNA Test bei der Vaterschaftsfeststellung, oder forensische Traumatologie und viele mehr, gehören zu den Aufgaben der Rechtsmediziner.

Nach dieser sehr kurzen, aber dennoch sehr  interessanten Einführung kamen wir zum Hauptakt des Abends: Max Bentow betrat die Bühne. Auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkend, in ein schlichtes T-shirt und Jeans gekleidet, ergrautes Haar, sympathisches Gesicht, zeigte er schon bald, dass er nicht nur eine düstere, sondern vor allem auch eine sehr humorvolle Seite hat. Leider ist es manchmal doch etwas schwierig Situationskomik im Nachhinein widerzugeben. Ich kann nur sagen, dass wir viel gelacht haben.

Über den Autor

Über Max Bentow ist nur wenig bekannt und auch gestern hüllte er sich bezüglich persönlicher Details in Schweigen. Er wurde 1966 in Berlin geboren und ist auch dort aufgewachsen, studierte Schauspiel und war auf vielen verschiedenen Bühnen als Schauspieler tätig. Für seine Arbeit als Dramaturg  wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Foto: Vero Nefas / Max Bentow im Gespräch mit Sabine Thomas

Wie kam er dazu Thriller zu schreiben?

Auf die Frage wie er dazu kam einen Thriller zu verfassen erzählte er, dass er schon immer ein Faible für Kriminalgeschichten hatte und irgendwann, nach langen Jahren, kam der Wunsch sich selbst einmal an so eine Geschichte zu wagen. Nils Trojan, sein Protagonist, erschien ihm übrigens eines Nachts im Traum und sagte „Du musst das jetzt einfach schreiben“. Also hat er geschrieben. Das Ergebnis war sein Debüt „Der Federmann“, das auch prompt ein voller Erfolg wurde und es auf Anhieb in die Top 10 der Spiegel Bestsellerliste schaffte. Verdient, wie ich finde.

Wer ist Nils Trojan?

Aber wer ist denn nun eigentlich dieser Nils Trojan? In erster Linie ist er natürlich Ermittler bei der Kripo in Berlin, im Morddezernat 5. Eigentlich, so Max Bentow, ist er viel zu sensibel für seinen Job und genau das macht ihm auch zu schaffen. Er hat nämlich große Angst, Angst zu versagen, aber das lässt er sich nicht anmerken. Angst ist bei der Polizei ein Tabuthema, wie der Autor aus Gesprächen mit befreundeten Ermittlern weiß. Als „Bulle“ muss man stark und hart sein, darf keine Schwäche zeigen. Als Reaktion auf seine verdrängte Angst erleidet Trojan immer wieder Panikattacken und genau aus diesem Grund sucht er heimlich Hilfe bei der Psychologin Jana Michels, die sowohl im ersten, als auch im zweiten Band eine tragende Rolle spielt.

Max Bentow: „Er macht die Therapie privat. Naja was heißt privat. Das zahlt natürlich die Kasse“ *lacht*

Was müssen wir über den Federmann wissen?

Natürlich blieb auch das Erstlingswerk nicht unerwähnt, schließlich spielen die Folgen dieses Einsatzes eine wesentliche Rolle für Trojan im neuen Buch. Ich möchte euch nun nicht Zuviel verraten, aber eine kleine Anekdote aus der Entstehungszeit des Romans hat uns der Autor erzählt, die ich nicht unerwähnt lassen will. Als er an seinem Manuskript arbeitete, verließ der Autor seine Wohnung und traf im Treppenhaus auf einen umherflatternden Vogel, der sich wohl irgendwie dort hinein verirrt hatte. Man muss dazu sagen, dass Herr Bentow an einer Vogelphobie leidet und er allgemein die Vorstellung an einen im Zimmer umherfliegenden, verängstigten Vogel sehr beängstigend, fast klaustrophobisch empfindet. Ein Stückweit war dieser Roman also wohl auch das Testen der eigenen Grenzen, ein auseinandersetzen mit sich selbst.

Foto: (c) Krimifestival München/Sabine Thomas

Warum spielen die Romane in Berlin?

Nun, das ist recht einfach zu erklären. Max Bentow ist in Berlin geboren und aufgewachsen und er findet, dass man, wenn man schon ein Buch schreibt, es irgendwo spielen lassen sollte wo man sich auskennt. Zudem ist gerade die Ecke Neukölln/Kreuzberg ein Berliner Brennpunkt – auf der einen Seite verboten und gefährlich, auf der anderen Seite im Begriff eine „Hippe“ Gegend zu werden. Kulturen, Ländern, Sprache prallen aufeinander und ergeben so einen gewissen Schmelztigel. Was könnte besser sein als Grundlage für einen Thriller?

Die Lesung:

Dann war es soweit. Das Licht erlosch, der Sektionstisch und das Konterfei des Autors erstrahlen in mystischem blau. Gespenstische Stille herrschte im Saal während unzählige Augenpaare gespannt auf die Mitte des Raumes gerichtet waren. Mit ruhiger, tiefer, zum Teil fast monotoner, aber sehr angenehmer Stimme (der man ihre Ausbildung auch anmerkt) beginnt Max Bentow zu lesen und entführt die Zuhörer fast eine Stunde lang in die ersten Kapitel seines Buches. Eine sehr gelungene, sehr spannende Lesung die mir richtig Lust auf das Buch gemacht hat, da ich es bis dato noch nicht gelesen hatte.

Die Lesung endete nach dem ersten Mord, als die erste Frau mit Bauschaum getötet wird. Und natürlich regt diese außergewöhnliche Tatwaffe dazu an nachzufragen, wie man denn auf so eine Idee kommt.

Wie kam der Autor auf die Tatwaffe?

Sabine Thomas bezeichnete den Mord mit Bauschaum scherzhaft als „echte Herausforderung für einen Rechtsmediziner“ und ihre persönlichen Recherchen ergaben, dass es so eine Tötungsart tatsächlich (und Gott sei Dank) hier in München noch nicht gegeben hat. Aber wie kam der Autor dann auf den Gedanken so zu töten? Getreu dem Motto, dass das Leben doch die besten Geschichten schreibt, entstand auch diese Idee: Bei einer Party berichtete ein befreundeter Bildhauer davon, dass er in seinem Atelier eine Ratte vorgefunden hatte. Auf typisch männliche Art und Weise hat dieser Künstler nun versucht das Nagetier mit Besen und anderen handwerklichen Hilfsmitteln aus dem Raum zu vertreiben. Aber es half alles nichts. Gegen Ende hatte sich das verängstigte Tier irgendwo hinter einem Verschlag verkeilt und der besagte Bildhauer griff kurzerhand zum Bauschaum und sprühte das Tier damit ein. Keine wirkliche schöne Geschichte wie ich finde – und auch der Autor empfand das so. Trotzdem hat ihn dieser Bericht zu seinem aktuellen Roman inspiriert und daher wollen wir den Ursprung mal „verdrängen“.

Max Bentow selbst musste natürlich auch ein wenig recherchieren, was die Funktionsweise des Bauschaums betrifft, aber er schwört, dass er sich nur an unbelebten Objekten ausgetobt hat. Von Selbstversuchen rät er allerdings ab😉

Zum Abschluss

Zum Abschluss gab es noch die Möglichkeit Fragen an den Autor zu stellen, aber nur eine der Anwesenden hatte den Mut ihre Frage in den Raum zu stellen. Sie wollte wissen, warum es bei männlichen Autoren immer so unrealistisch zugehen würde. In Kapitel 2 öffnet eine Frau die Türe, nachdem sie vorher geduscht hat. Es wird nirgendwo explizit beschrieben, dass sie sich angezogen hätte. Die Dame kritisierte nun, dass keine Frau die Tür öffnen würde, wenn sie nur mit einem Handtuch bekleidet ist. Max Bentow musste daraufhin tatsächlich nachlesen und hat sich auch geschickt aus der Affaire gezogen: „Das ist wie im Film, da arbeitet man ja auch mit Schnitten, ohne das explizit alles gesagt werden muss“. Nun, wo er Recht hat. Immerhin ist die besagte Figur in der nächsten Szene ja vollständig bekleidet😉

Foto: (c) Krimifestival München/Sabine Thomas

Und für alle Max Bentow Fans gibt es gute Nachrichten: Der nächste Thriller ist in der Schlussphase und wird voraussichtlich nächstes Frühjahr erscheinen. Allerdings wollte uns der Autor noch keine Details verraten. Wir dürfen gespannt sein was uns im dritten Teil der Reihe erwartet und vor allem woher die Idee dazu dann kommt😉

Fazit:

Ein toller Abend mit einem sehr sympathischen Autor. Vielen Dank an das Team vom Krimifestival München, dass ihr das möglich gemacht habt. Meine einzige Anregung wäre, dass man beim nächsten mal zwischen die einzelnen Lesungspassagen vielleicht noch ein paar „Gesprächsrunden“ einbaut. Für jemanden der ein Buch noch nicht kennt ist es sicher sehr spannend, wenn so viel am Stück gelesen wird (mich hat es heute also nicht gestört), aber die Aufmerksamkeit der Zuhörer hat doch ab der Hälfte merklich nachgelassen. Und natürlich auch mein herzliches Dankeschön an die Buchhandlung Glatteis, die wieder ausreichend Bücher zum Verkaufen dabei hatte. Last, but not Least geht mein Dank auch an Max Bentow, den ich mir aufgrund der Pressebilder ganz anders vorgestellt hätte und der mich durch seine sympathische und offene Art sehr positiv überrascht hat. Er hat ohne zu murren gleich 3 Bücher für mich signiert – sogar mit besonderem Textwunsch!

Zum Abschluss soll aber Sabine Thomas, die Moderatorin des Abends und auch Mit -Organisatorin des Festivals zu Wort kommen: Sie freut sich sehr, dass dieses Jahr schon der zweite Krimi Herbst in München stattfinden kann. Das eigentliche Krimifestival ist ja eher im Frühjahr angesiedelt. Viele große Autoren, gerade auch aus den USA, touren aber vor allem im Herbst durch Deutschland und sie ist sehr glücklich, dass dieses Jahr „so viele erfolgreiche Stars nach München kommen können“. Und dem kann ich mich nur anschließen.

Foto: Vero Nefas

Überraschung für meine Leser

Nachdem ich also so begeistert war gestern Abend habe ich kurzerhand eine Ausgabe der Puppenmacherin gekauft und vom Autor signieren lassen. Und genau dieses Exemplar könnt ihr jetzt bei mir gewinnen. Dafür müsst ihr lediglich – mal wieder – eine kleine Frage beantworten und die Antwort bis einschließlich 30.09.2012 an dreigroschenpoesie[at]gmx.de schicken. Betreff: „Die Puppenmacherin“.

Gewinnspielfrage: Wie wurde Max Bentow zu seinem aktuellen Roman inspiriert?

PS: Beim nächsten Mal nehme ich eine bessere Kamera mit😉 Am 28.10 ist nämlich bei mir nochmal so weit – es geht zu Karen Rose. Und ich freue mich schon tierisch auf diesen Abend!!

Das Krimifestival findet man übrigens auch auf Facebook. Dort gibt es zu jeder Lesung noch Fotos und immer wieder tolle Infos :) http://www.facebook.com/Krimifestival