Quelle: Boris Maggioni

Inhalt:

Paul Neumann ist ein ziemlich komischer Typ – außerdem ist er Bestatter. Nebenbei hat er ein äußerst makaberes Nebengeschäft am Laufen und durch einen dummen Zufall kommt ihm Wiebke, die beste Freundin seiner Freundin Tanja, auf die Schliche. Zu allem Überfluss steht Paul aber genau auf diese beste Freundin, glaubt er jedenfalls. Wäre da nicht sein Erlebnis mit einer Transsexuellen. Pauls Psychiater ist in keiner Hinsicht wirklich hilfreich, sondern eher hoffnungslos überfordert mit seinem schrulligen Patienten. Da beschließt Paul, dass ein Mord die einzige Lösung für seine Probleme ist und damit nimmt das Unglück seinen Lauf, oder doch nicht?

Kritik:

Dieser Roman ist in einem Wort: Makaber. Kaum ein Tabu das nicht gebrochen wird, kaum ein abwegiger Gedanke, den der Autor nicht gedacht hat. Und trotzdem absolut lesenswert. Eine sarkastische, ironische, makabere, dunkelschwarze Satire. Einer meiner ersten Gedanken nach Beendigung des Buches war: Bei diesem Buch geht es einem wie bei einem blutigen Unfall – man will eigentlich gar nicht wirklich hinsehen, aber man kann einfach nicht anders.

Angenehm erzählend geschrieben (wenn man mal die Thematiken außer acht lässt), aus der Sicht des Protagonisten Paul, einem neurotischen Bestatter und Vollzeittrottel. Paul ist ein unglaublich unrealistischer, absolut unglaubwürdiger, völlig überzeichneter, aber sehr amüsanter Charakter. Ich hoffe und bete, dass wirkliche Bestatter keinerlei Ähnlichkeit mit diesem Individuum aufweisen.😉

In mehr oder weniger heiteren Kapiteln erzählt der Autor eine völlig abwegige Geschichte über die Liebe, das Leben, den Tod und was man daraus machen kann bzw. könnte oder eben nicht. Und immer wenn man glaubt, dass man endlich verstanden hat worum es geht und was als nächstes passieren wird, dann passiert genau das – nicht. Auf eine völlig eigene, absurde Art erzählt -unterstützt durch witzige sprachliche Effekte, gespickt mit moralischen Entgleisungen und Tabubrüchen an allen Ecken und Enden – führt Borris Maggioni seine Leser durch die wirklich unglaubliche Welt des Paul Neumann.

Natürlich ist dies kein literarisches Meisterwerk, keine sprachliche Explosion, kein Wortballett voll Grazie und Anmut wie z.B ein Roman von Ani Friedrich, aber das sollte es auch gar nicht sein. Die einfachen Worte reichen für diese Geschichte nicht nur völlig aus, sie geben ihr auch das gewisse Etwas, das  nötige Maß an Glaubwürdigkeit, die sie unter anderen sprachlichen Voraussetzungen mit Sicherheit verlieren würde. Ganz abgesehen davon, dass verbale Kunst kaum zur Thematik passen würde und sich dieser Roman in Goethes Worten schwerlich umsetzen ließe.

Kleiner Textauszug gefällig?*

[…]Ob sie es geil findet? Ob sie sich schämt? Ob sie bereut? Ob er sie zerreißt, der Konflikt zwischen ihrem Trieb und ihrem Verstand? Wenn ja: willkommen in meinem Leben.
Oh Mann – diese Typen. Ich meine: nichts gegen meine Kunden. Aber an diesem Abend… also… die zogen den Schnitt ganz schön runter. Und das will was heißen. Einige benutzen noch nicht mal ein Deo. Jedenfalls habe ich meist den Eindruck. Und wenn doch, dann wahrscheinlich einen Roller. Sie wissen schon, dass sind die Dinger, die man angeblich kauft, um die Ozonschicht zu schonen. In Wirklichkeit ist es Geiz. Oder positiver: Sparsamkeit. Weil diese Dinger bei jeder Benutzung etwas voller werden. Jawohl. Wäre da nicht die Verdunstung, man könnte sie ewig benutzen. Nach einiger Zeit ändert sich dann zwangsläufig das Aroma. Aus sportiv wird beispielsweise Harald-Meyer-Schweiß, aus oriental wird Fritze-Schmidt-Transpirat. Wenn Sie mal ein anderer werden wollen, brauchen Sie nur mit jemandem den Deo-Roller zu tauschen. Wenn Sie jemanden sehr begehren, brauchen Sie sich nur seinen… also…. ob Wiebke einen Roller benutzt? […]

Obwohl Bücher, die nur aus der Sicht eines Protagonisten erzählt werden, dazu neigen irgendwann langweilig zu werden ist dieses Buch durchweg spannend, animiert zum weiter lesen und lässt einen nicht mehr los, bis man – in gewisser Hinsicht fast erleichtert – die letzte Seite gelesen hat. Erleichterung nicht weil das Buch so schlecht ist, sondern weil man am Ende… Sagen wir so: Es ist gut, dass diese Geschichte wirklich ein Ende hat. Aber lest einfach selbst, dann werdet ihr das verstehen😉

Fazit:

„Blasses Blut“ ist eine unterhaltsame, tiefschwarze Satire. Aber Vorsicht: Wer mit bissigen Tabubrüchen nicht umgehen kann und wem sich bei einem Landkrimi schon der Magen umdreht, der sollte hiervon lieber die Finger lassen. Alle, die gerne mal literarische Experimente wagen sollten zuschlagen. Auch wenn dieser Roman sehr einfach geschrieben ist und garantiert nicht durch hohes sprachiches Niveau zu glänzen versucht ist das in diesem Fall nicht stören, sondern absolut richtig. Wer denkt schon in Hochsprache? Ein in jeder Hinsicht  lesenswertes Buch, das nicht mit verrückten Ideen geizt und den Leser praktisch auf jeder Seite hoffen lässt, dass dies alles wirklich der Phantasie des Autors entsprungen ist – und NUR seiner Phantasie.

5/5 Sternen  

Boris Maggioni – Blasses Blut
erschienen, 2012 bei Amazon Kindle
ca. 202 Seiten
4,97 € (Kindle E-book)/ 8,91 € (Taschenbuch)

*Textauszug aus „Blasses Blut“ von Boris Maggioni mit freundlicher Genehmigung des Autors.