Nach Stephan M. Rother, C. M. Singer und Bernard Minier hat sich erneut ein Autor zu einem Interview bereit erklärt. Es freut mich sehr, dass Axel Petermann – Fallanalytiker, Berater, Ermittler und Autor – sich die Zeit genommen hat mir Rede und Antwort zu stehen. Einige von euch werden seine Bücher (Auf der Spur des Bösen, Im Angesicht des Bösen) ja bereits kennen, den anderen kann ich nur nahe legen sie zu lesen.

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Name: Axel Petermann
Wohnort: Bremen
Geburtsdatum: 06.10. 1952
Größe: 188
Augenfarbe: dunkelblau
Haarfarbe/Frisur: blond, lang

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Schildere uns doch bitte kurz deinen Werdegang zum Schriftsteller. Wie kam es dazu, dass du ein Buch schreiben wolltest und letztendlich auch geschrieben hast?

Die Idee, Bücher über reale Verbrechen zu schreiben hat sich erst in den letzten Jahren ergeben. Der Inhaber eines wissenschaftlichen Verlages ermunterte mich, über meine Arbeit zu schreiben. Allerdings sollte es ein Fachbuch werden. Nachdem ich mir seinen Vorschlag durch den Kopf gehen lassen habe und auch ein Stern-Journalist meinte, dass ich doch etwas zu erzählen hätte, habe ich mir Gedanken gemacht welche Fälle sich überhaupt zum Erzählen eignen.

Dabei ist für mich wichtig mehrere Ansätze zu realisieren: Zum einen berichte ich nur über „meine eigenen“ Fälle – sicherlich auch eine Form der späten Auseinandersetzung und Aufarbeitung mit dem von mir Erlebten – , zum anderen soll natürlich der fachliche, der kriminalistische Ansatz abgedeckt sein. Schon längere Zeit trage ich mit mir die Sorge herum, dass bei der Bearbeitung von Verbrechen die Kriminalistik und Kreativität immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird; nicht erst seit der ständig verbesserten und verfeinerten Nutzung der DNA-Methodik.

In meinen Büchern versuche ich die Verbrechen so zu beschreiben, dass vor dem geistigen Auge des Lesers Bilder entstehen, sodass er mir bei meiner Arbeit über die Schulter schaut und  auf diese Weise selbst zum Mitglied der Mordkommission oder des Analyseteams wird.

Zum Anfang ein paar kleine Fragen:
a)Beschreibe dich selbst in 3 Worten

Immer auf der Suche nach Antworten, kritisch und häufig ruhelos. Fragen und Zuhören können sind meine Stärken. Manchmal bin ich ein wenig gedankenverloren und vergesslich; zum Glück aber meistens nur bei Nebensächlichem; trotzdem im Großen und Ganzen zuverlässig.

b)Beschreibe dein Zuhause in 3 Worten

Ich wohne in einem Haus auf dem Land mit parkähnlichem Garten und Teich. Gerne möchte ich aber wieder in ein Jugendstilhaus mitten in Bremen ziehen. Später, wenn ich nicht mehr ins Büro muss, möchte ich mehrere Monate im Jahr in Istanbul leben – ein faszinierende Stadt.

c) Hast du Haustiere? Wenn ja welche?

Ja, da gibt es einige: einen Berner Sennhund, zwei Katzen und mehrere Hühner.

d) Wenn du einen Wunsch frei hättest, welcher wäre das?

Schwierig, schwierig. Vielleicht, dass es mir weiterhin so gut geht wie jetzt, und ich mit dem zufrieden bleibe, was ich habe.

Auch dir, der du ja Interview- und Gesprächserfahren bist, möchte ich gern die Gelegenheit geben die Frage zu beantworten, die du dir selbst gerne stellen würdest, die Frage auf die man vielleicht in jedem Interview wartet, weil man etwas bestimmtes gerne endlich sagen möchte, die Frage, die nie jemand stellt.

Da muss ich ein wenig nachdenken. Leichter könnte ich beantworten, welche Frage ich gar nicht hören möchte. Sobald ich von „meinem grausamsten Fall“ berichten soll, mache ich dicht.

Aber nun wieder zurück zu Dir. Vielleicht die Frage, was bei meiner Arbeit Intuition ist und was Wissen. Von beidem etwas. Die Intuition kam nach und nach. Je häufiger ich an Tatorten war, desto leichter konnte ich mir eine Vorstellung über das Geschehen bilden und mein Bauchgefühl sagte mir, wenn die Spuren nicht stimmig waren; der Täter zum Beispiel ein Verbrechen inszeniert hatte. So wie der Tatortproduktion des hr „Der Tote im Nachtzug“, der auf einen von mir bearbeiten realen Fall basiert.

Und das kriminalistische Wissen ist mein Handwerkszeug, das ich bei den verschiedenen Theorien über den Tatablauf anwende, um dem wahren Geschehen möglichst nahe zu kommen.

Ich hab ja nun dein neustes Buch gelesen: „Im Angesicht des Bösen“. Zum einen fand ich es unglaublich interessant und spannend solch detaillierte Einblicke in den Alltag der Polizeiarbeit zu bekommen, zum anderen war ich sehr positiv davon überrascht, dass du die Täter weder verurteilst, noch übermäßig Mitleid hervorrufen willst. Um ehrlich zu sein: mich hat die Lektüre der Fälle (vielleicht auch gerade wegen der nüchternen Klarheit mit der sie er zählt wurden) tief bewegt und zum Nachdenken angeregt. Ich habe mich oft gefragt: Wie geht man damit um? Wie hält man es aus in diese Abgründe der Menschheit zu blicken? Wie lebt man damit, wenn man weiß und oft genug erlebt hat wozu Menschen fähig sind?

Meine Arbeit ist der Versuch zu verstehen, wie und warum ein Mensch eine Tat begangen hat. Ich nähere mich ihm, wie ein Wissenschaftler seinem zu untersuchenden Objekt. Deshalb hüte ich mich den Täter zu bewerten, egal wie schrecklich seine Tat auch ist. Ich will den Mensch hinter der Tat erkennen, dafür muss ich auch immer wieder den Vorhang des Schreckens durchschreiten. Manchmal ist es sogar notwendig, für diesen Menschen ein gewisses Maß an Verständnis aufzubringen. Denn niemand ist per se ein Monster.

Ich vermeide deshalb bei meiner Arbeit Worte wie „grausam“, „brutal“ oder „krank“. Sie wären eine Wertung, die mir nicht zusteht. Meine Aufgabe als Mordermittler oder Profiler besteht alleine darin, herauszufinden, was geschehen ist und welche Motivation der Täter hatte. Diese Aufgabe kann ich nur unvoreingenommen erfüllen. Subjektive Einflüsse würden mich beim Ermitteln ablenken.

In unseren Gesprächen war auch Literatur ein großes Thema. Du liest gerne Krimis und Thriller. Natürlich ist die naheliegende Frage, warum sich ausgerechnet ein Mordermittler, jemand der täglich beruflich mit Mord- und Totschlag zu tun hat, auch in seiner Freizeit noch mit genau solcher Unterhaltsliteratur umgibt? Hast du auch einen Lieblingsautor, ein Lieblingsbuch? Und was gefällt dir besonders/ärgert dich am Meisten, wenn du Krimis und Thriller liest? Liest du auch andere Genres?

Ja, gerne Sachbücher, aber natürlich auch Krimis von Henning Mankell, über Hakan Nesser bis Sjöwall/Wahlöö. Ich mag authentische Stoffe, kantige Protagonisten mit Schwächen. Dazu ein stimmiger und spannender Plot.

Früher habe ich auch häufig „meinen“ Brecht und Hermann Hesse gelesen. Eines meiner Lieblingsbücher zeigt das grafische Werk von Heinrich Vogeler. Er ist für mich neben anderen der Künstler, der das Wesen des Jugendstils am meisten verkörpern: Freiheit der Gedanken, gegen Spießertum und Formalismus.

Krimis lese und sehe ich deshalb gerne, weil ich mich dabei entspannen kann. Gleichwohl finde ich es faszinierend, welche Vorstellungskraft die Autoren haben und bin jedes Mal heilfroh, dass sich damit nicht kriminelle Energie verbindet. Vielleicht möchte ich mich auf diese Weise auch ein wenig dem Bösen nähern, um wie jeder andere auch entscheiden zu können, wie sehr ich es an mich heranlasse, z.B. in dem ich einfach das Buch schließe bzw. den Fernseher ausschalte.

li: Minka, re: Micky / Foto: Axel Petermann

Du arbeitest ja auch mit dem Tatort zusammen. Wie genau darf man sich deine Arbeit dort vorstellen? Bist du vielleicht auch mal am Set und kontrollierst die Arbeit der Schauspieler oder läuft das alles via Heimarbeit?

Den Bremer Tatort berate ich seit über zehn Jahren, in mehr als 25 Fällen. Häufig bekomme ich das Treatment und nach und nach die einzelnen Drehbuchfassungen. Ich lese mir die Texte durch, gebe hier und dort Anregungen und freue mich, wenn meine Ideen umgesetzt werden. Aber ich musste lernen, dass der Tatort am Sonntag die Zuschauer mit einem spannenden Plot unterhalten soll und kein Lehrfilm für meine Kriminalististudenten ist. Ein wenig anders ist es bei den den Produktionen des hr-Teams um Nina Kunzendorf und Joachim Krol. Vier Episoden aus meinen Büchern dienen als Vorlage. Mit den Autoren und Regisseuren führe ich sehr intensive Gespräche, ich habe auch die Möglichkeit, direkt beim Dreh dabei zu sein und vor Ort Tipps zu geben.

Vor kurzem wurde ein Tatort ausgestrahlt der auf einem deiner Fälle, also auf einer wahren Begebenheit beruht. Wie viel davon ist Fiktion und was ist Wahrheit?

Ja, es ist die Geschichte eines Serienmörders. „Es ist böse.“ Ich habe vor einigen Jahren die Fälle selbst bearbeitet und auch den Täter vernommen. Zunächst hat er nur ganz wenig von seinen Fantasien preisgegeben und Raubmotive angegeben. Mir haben seine Erklärungen keine Ruhe gelassen, und in den folgenden Jahren habe ich ihn immer wieder in der Forensik aufgesucht, um mit ihm über die Taten zu sprechen. Nach und nach – allerdings schon sehr kontrolliert – hat er über seine sadistischen Motive erzählt. Die wahren Verbrechen und die Gespräche mit dem Täter wurden im Tatort sehr realistisch wiedergegeben, natürlich vom Regisseur Stefan Kornatz schon eindrucksvoll für das Fernsehen inszeniert. Aber letztendlich muss ich sagen, dass ich beim Zuschauen schon das eine oder andere Mal eine Gänsehaut bekam, weil ich auf einmal wieder mittendrin in den Fällen war.

Arbeitest du derzeit an einem neuen Buch? Gibt es dazu vielleicht schon konkrete Vorstellungen, bzw. wird es sich von den bisherigen Büchern evtl. unterscheiden?

Witzig, dass Du das fragst. Ja, ich arbeite tatsächlich schon an meinem dritten Buch, obwohl ich doch erst einmal eine Pause machen wollte. Anderthalb Kapitel sind bereits fertig. Natürlich wird es wieder um von mir bearbeitete Fälle gehen, doch dieses Mal werde ich noch mehr dem Bösen nähern.

Zum Abschluss noch eine Frage, deren Antwort ja auch in deinem aktuellen Buch schon ein bisschen anklingt: „Was ist das Böse?“ und vor allem „Warum sind wir davon so fasziniert?“

Eine ganz schwierige Frage, Vero. Ich weiß leider immer noch nicht das Böse zufriedenstellend zu definieren. Bedeutet es die Freiheit, Grenzen zu überschreiten und sich wissentlich und bei vollem Bewusstsein gegen das Gute zu entscheiden? Menschen zu verletzen, vielleicht zu töten und daran sogar Spaß zu empfinden? Oder ist das Böse dem Menschen immanent? Teil unseres Lebens, unseres Seins?

Ich kann auch nicht erklären, warum uns das Böse so in seinen Bann zieht. Warum wir uns freiwillig gruseln und den Schrecken ansehen. Wollen wir von uns selbst erfahren, wie nahe uns das Böse kommen darf? Wollen wir in in Milieus und Lebensformen eintauchen, die uns sonst verborgen blieben? Drängen wir danach zu erfahren, wie viel Brutalität und Gewalt wir aushalten können und wann wir weggucken müssen? Um am Ende immer wieder aufs Neue Genugtuung darüber zu erfahren, dass doch alles nur Fiktion und nicht Realität ist. Wohlwissend, dass Protagonisten, wie etwa der Kommissar, uns als moralische Saubermacher dabei begleiten und dem Bösen schlussendlich Einhalt gebieten? Aber reicht das für die Faszination? Ist das Böse in Wahrheit nicht sehr oberflächlich und langweilig, da es in seiner zerstörerischen Wirkung nie so kreativ und unerwartbar wie das Leben mit seinen zahlreichen Facetten sein kann? Warum also werden wir des Bösen nie müde?

Du siehst, Ich habe mehr Fragen als Antworten zu bieten und denke schon, dass der Mensch an sich sowohl Anteile des Bösen wie des Guten in sich trägt. Er ist stets dem ewigen Wechselspiel dieser beiden Pole ausgesetzt. So kann derselbe Mensch auf der einen Seite Gutes, auf der anderen Seite Schreckliches tun. Wir kennen beide Seiten aus unserem Alltag. Erschrecken wir uns manchmal nicht vor uns selbst, wenn unser Wort einen Tick zu laut geraten ist, unsere Gedanken schäbig, ja manchmal abgründig sind, unsere Argumente unsachlich und aggressiv? Erkennen wir dann nicht immer wieder, wie unmöglich es ist, ein rein guter Mensch zu sein? Aber heißt das zugleich, dass in jedem von uns ein potenzieller Mörder steckt? Ich denke nicht, doch trotzdem befürchte ich, dass uns manchmal eine bestimmte Situation so stark beeinflussen kann, dass wir zum tötenden Täter werden.

Aus diesem Interview möchte ich euch nicht mit den Worten des Autors, sondern mit einem Denkanstoß entlassen: Nichts bringt mehr Auflagen, als ein blutrünstiger Mord. Die Medien schlachten Morde oder unerklärliche Todesfälle aus, Täter werden vorverurteilt und eine ganze Nation, die sich als friedliebend, sozial und aufgeklärt sieht, ist plötzlich bereit einen "bestialischen Mörder" zu lynchen und zu foltern. Sind wir also tief in uns alle Böse? Kann wirklich jeder zum Mörder werden, wenn es sogar ausreicht "angeblich moralisch legitime" Gründe zu haben, um einem anderen Menschen einen gewaltsamen Tod zu wünschen?

Vielen Dank an Axel Petermann für die Bilder und die Zeit🙂 Hat mir viel Spaß gemacht!