Nach langem Warten ist es endlich so weit: Das Interview ist fertig! Ein paar Sprachbarrieren und terminliche Schwierigkeiten haben zu Verzögerungen geführt, aber nun ist es geschafft. Ich wünsche euch Lesern viel Spaß mit den Antworten dieses wirklich sehr sympathischen Autoren.

Foto: Bernard Minier

Name: Minier

Wohnort: Irgendwo südlich von Paris
Geburtsdatum: 1960
Größe: Größer als Tom Cruise und Toulouse-Lautrec, aber kleiner als Franz Beckenbauer!
Augenfarbe: Grün
Haarfarbe/Frisur: Braun (wo welche sind)

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Schildere uns doch bitte kurz deinen Werdegang zum Schriftsteller:

Meine Autorenkarriere kann man in einem Wort zusammenfassen: < Glacé > (Französischer Titel zu „Schwarzer Schmetterling“). Ich betone, meine Karriere. Ich schreibe nämlich, seit ich zehn Jahre alt bin.

Zu Beginn ein paar kleine Fragen:

a) Beschreibe dich selbst in 3 Worten: 

Perfektionist, Idealist, schwierig (im Leben)

b) Beschreibe dein Zuhause in 3 Worten

 Zufluchtsort, Schlupfwinkel, Heiligtum

c) Hast du Haustiere? Wenn ja welche? 

Zwei Katzen (eine schnurrt gerade in diesem Moment nur wenige Zentimeter von der Tastatur entfernt), leider keine Fotos

d) Wenn du einen Wunsch frei hättest, welcher wäre das?

Immer mehr Deutsche Leser zu haben

Lieber Bernard. Zuerst einmal möchte ich mich bei dir bedanken, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Dein Buch wurde in Frankreich mit zahlreichen Preisen geehrt. Dazu möchte ich dir an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich gratulieren. Im Zuge diese Erfolgs hast du ja nun auch schon eine Interviews gegeben und viele Fragen beantwortet. Welche Frage hättest du dir dabei selbst gerne gestellt, was wärst du gerne gefragt worden und wie lautet die Antwort auf diese Frage?

Danke, dass du an dem interessiert bist, was ich tue! Die Frage, die ich gern gestellt bekommen würde (die im Übrigen bisher noch nie gestellt worden ist), befindet sich just etwas weiter unten. Sie betrifft die „sexuelle Identität“ einiger meiner Figuren. Ich war sehr überrascht, dass bisher niemand das Augenmerk darauf gerichtet hat. Endlich wurde dieser Mangel behoben – dank dir!

Schwarzer Schmetterling spielt in den Pyrenäen. Wie bist du auf die Idee gekommen deinen Roman genau dort, in den französischen Bergen spielen zu lassen? Hast du im Zuge der Recherche viel Zeit dort verbracht?

Ich bin am Fuß der Pyrenäen aufgewachsen. Ich hatte sie in meiner Kindheit immer vor Augen, zugleich fern und vertraut, und für ein Kind so geheimnisvoll! Die Idee „Schwarzer Schmetterling“ in die Pyrenäen zu verlegen, kam mir, als ich im Fernsehen einen Bericht über diesen unglaublichen Schauplatz gesehen habe, an dem auch das Buch startet: dieses Wasserkraftwerk auf 2.000 m Höhe und 70 m tief im Berg, das man nur mit dem Kabinenlift erreichen kann. Was für ein faszinierender Ort, schrecklich und feindlich. Gleichzeitig wollte ich etwas schaffen, was Elizabeth George als Schmelztiegel bezeichnet: ein Ort, an dem die Figuren feststecken wie auf der Insel der Zehn kleinen Negerlein oder auf Shutter Island. Oder auch an Bord der Titanic … Unter diesen Bedingungen steigt die Temperatur, die Figuren können nicht entkommen und müssen sich ihren Ängsten und Feinden stellen. Sie stehen unter unglaublichem Druck.

Der Großteil meiner Recherchen betraf nicht meine Region, die ich gut kenne, sondern vielmehr die Bereiche Psychiatrie, Polizeiarbeit – oder auch Pferde.

Homosexualität ist, wenn auch nur am Rande, ein Thema deines Romans. Was hat dich dazu bewogen diese – auch in der aufgeklärten Gesellschaft – immer noch oft tabuisierte Thematik in deinem Roman zu verwenden? Vielleicht persönliche Erfahrungen im engeren Umfeld?

Das ist eine interessante Frage. Lange habe ich darauf gewartet, dass man sie mir stellt. Ich habe dafür keine wirkliche Erklärung, nur dass ich die moderne Gesellschaft in all ihren Facetten darstellen wollte. Zwar befinden wir uns im 21. Jahrhundert, in einem Land, deren Mentalität sich weiter entwickelt hat und weit davon entfernt ist, so zu sein, wie in manchen Teilen der USA und doch höre ich in meiner Umgebung mehr oder weniger subtil vorgetragene schwulenfeindliche, sexistische oder frauenfeindliche Sprüche von Leuten, die eigentlich gar nicht so dumm sind. Damit habe ich ein echtes Problem. Ich glaube, meine Entscheidung war eine Antwort auf solche Sprüche, sicher auch eine Art Provokation – obwohl es seit langem keine mehr sein dürfte.

Commandant Servaz hat eine wenig optimistische Meinung zum Thema Internet und Medien. Er sieht sie als Teufelszeug, als Verbreitungswerkzeug des Wahnsinns, da nun „Verrückte“ überall auf der Welt Gleichgesinnte finden können. Wie stehst du dazu? Bist du den Medien gegenüber auch so negativ eingestellt, oder siehst du auch die positiven Seiten und den Nutzen, den man aus der weltweiten Kommunikation ziehen kann?

Im Gegensatz zu Flaubert, der meinte „Madame Bovary, das bin ich“ bin ich nicht Martin Servaz. Was er denkt, ist nicht zwangsläufig das, was ich denke. Nehmen wir seinen Vertreter Espérandieu zum Beispiel: Er hat eine viel positivere Einstellung zum Internet und zu modernen Technologien. Sagen wir mal so: Das Internet ist ein wundervolles Kommunikationstool und ein Quell an Wissen, gleichzeitig aber eine fürchterliche Waffe der Desinformation, Vergiftung und Manipulation der Anfälligsten und Jüngsten. Schaut euch doch an, was Terroristengruppen, Pädophilen-Netzwerke oder Anhänger von Verschwörungstheorien daraus machen … Wir müssen ernsthaft darüber nachdenken, wie wir unsere Kinder auf den vernünftigen und gesunden Umgang vorbereiten und sie vor den zahlreichen Gefahren schützen. In Frankreich hat sich z.B. kürzlich etwas ereignet, dass die Gefahr für die ganz Jungen deutlich macht: Ein Junge von 11 Jahren hat letzten Monat eine Gruppe auf Facebook gegründet, um seine Freunde zum Geburtstag einzuladen. Ergebnis: Mehr als 50.000 Personen sind gekommen, haben ihn und seine Eltern belagert, so dass die Polizei gerufen werden musste. Der Junge wurde sogar bedroht und ist seitdem traumatisiert. Ich habe gelesen, dass manche Jugendliche unter Depressionen leiden, die mit ihrem Image bei Facebook zusammenhängen.

Das Ende des Romans bleibt ja in gewisser Weise offen. Heißt das vielleicht, dass es im nächsten Buch ein Wiedersehen geben wird mit Commandant Servaz und seinem Team, der Staatsanwältin d’Humières, Capitaine Ziegler oder Diane Berg? Oder wird dein nächster Roman ein völlig eigenständiges Buch sein?

Mir sind diese Figuren ans Herz gewachsen. Ich habe heute fast den Eindruck, dass sie lebendig sind, dass sie Freunde oder Teil der Familie sind, dass ich ihnen auf der Straße begegnen könnte. Warum also nicht das Abenteuer mit ihnen fortsetzen? Was halten Sie davon?

Foto: Bernard Minier

Auch die Leser hatten noch ein paar Fragen an den Autor  :)

I. Du schreibt ja schon sehr lange Kurzgeschichten. Wie kam es dazu, dass du dich nun an den ersten Roman gewagt hast? Was motiviert dich zu schreiben? Wie bist du dazu gekommen?

Wie ich bereits erwähnt habe, schreibe ich schon sehr lange. Auch bin ich ein unersättlicher Leser. Meine Bibliothek beinhaltet rund 3.000 Bücher. Werke, die ich gelesen habe, seitdem ich im Alter von 24 Jahren nach Paris gezogen bin. Die anderen Bücher sind im Süden geblieben und seit dem Tod meiner Eltern sind sie in alle vier Winde verstreut. „Schwarzer Schmetterling“ ist nicht mein erster Versuch. Mit Beginn meiner ersten Leseversuche (eine Serie, die deutsche Leser nicht kennen werden, aber belgische und französische Leser: Bob Morane) habe ich das Bedürfnis verspürt, meine eigenen Abenteuer mit meinen Lieblingsfiguren zu erzählen. Als ich 12 Jahre alt war, schrieb ich kleine Geschichten, zeichnete aber auch mehrseitige Comics mit berühmten Figuren, die ich unter meinen Freunden verteilt habe und die sie wiederum untereinander ausgetauscht haben. Natürlich waren die Zeichnungen nicht so schön wie die Originale, aber ich glaube, meine Freunde mochten meine Geschichten lieber – wahrscheinlich weil sie vollkommen wirr waren! So hat es angefangen, in dem ich Figuren von anderen übernommen habe und sie zu meinen gemacht habe. Jedenfalls ist „Schwarzer Schmetterling“ der erste Text gewesen, den ich einem Verleger vorgeschlagen habe. Fragt mich nicht, warum …

II. Gibt es vielleicht bestimmte Rituale, eine bestimmte Ordnung auf dem Schreibtisch, einen Gegenstand, den du brauchst um zu schreiben? Oder etwas, das dich besonders inspiriert?

Ich weiß nicht, ob es wirklich ein Ritual ist, aber ich mache die Kaffeemaschine an, bevor ich mich an den Rechner setze. Ansonsten habe ich keine Regeln. Die einzige Notwendigkeit ist absolute Ruhe. Ich kann nicht schreiben, wenn irgendwo Geräusche sind. Als ich aus Argentinien zurückkam, habe ich einige wundervolle Stunden über dem Atlantik verbracht: Ich habe im Licht einer kleinen Lampe geschrieben, während das Flugzeug in Finsternis getaucht war und alle Welt geschlafen hat.

Vieles inspiriert mich : Nachrichten, Landschaften, Menschen, Diverses, Fotografien, Bücher, ein einziges Wort wie „Regen“ kann mich zu einer Atmosphäre inspirieren … Auch das Bedürfnis zu begreifen, was mit mir und anderen passiert, auf Dummheit zu reagieren, aber auch auf psychische Grausamkeit, Ungerechtigkeit, Manipulation, Lüge …

III. Wie stehst du zu generell zur Entwicklung der E-books?

Ich bin ein wenig wie Servaz „old school“. Ich mag das Umblättern, den Geruch von Tinte und Papier, schöne Buchcover … Aber wenn das eBook Menschen, die ansonsten nicht lesen würden, dazu bringt, zu lesen, warum nicht? Andererseits, von allen Künstlern, die von der Entwicklung neuer Technologien betroffen sind, verdienen Schriftsteller am wenigsten Geld: Wenn sich Apple oder eine andere Firma auf Kosten der Autoren bereichert und aus ihnen unterbezahlte Arbeiter macht, kann sich Apple zum Teufel scheren.

IV. Was liest du selbst sehr gerne? Gibt es vielleicht einen Autoren der dich inspiriert? Hast du ein Lieblingsbuch?

Das ist eine Frage, die zu weit führen würde! (siehe Frage I) Unter meinen deutschsprachigen Lieblingsautoren tummeln sich der großartige Thomas Bernhard, Günter Grass (Die Blechtrommel gehört zu meinen fünf Lieblingsbüchern), Thomas Mann, Kafka und Johannes Mario Simmel.

Ansonsten, unter den aktuellen literarischen Werken hat mich  der erste Roman von RJ Ellory „A Quiet Belief in Angels“ berührt. Aber auch Autoren wie Zadie Smith mit seinem unglaublichen „White Teeth“, Jesse Kellermans „The Genius“ und auch Mark Z Danielewski „House of Leaves“.

V. Kennst du das Phänomen, dass deine Figuren nicht so handeln, wie du dir das am Anfang gedacht hat – und wenn ja, was machst du dann? Lässt du ihnen ihren Willen und lässt dich in der Handlung treiben, oder versucht du sie stur auf „deinem“ Weg weiter zu zerren.

William Golding hat dafür ein sehr schönes Bild geschaffen: „Man beherrscht sein Reittier niemals ganz“ (das passt, weil es in „Schwarzer Schmetterling“ auch ums Reiten geht). Das alles ist sehr instinktiv. Das ist gut so, denn ansonsten wäre alles zu starr, zu künstlich, zu leblos. Auch wenn es einen Rahmen gibt, eine Richtung, wenn ich den Anfang und das Ende kenne, entspringt die nächste Szene manchmal aus einem Satz, einem Wort. Eigentlich wollte man hierhin und mit einem Mal wechselt man die Richtung. Wenn man den Leser überraschen will, muss man einen Teil Spontaneität beibehalten und beginnen, sich selbst zu überraschen. Danach sortiert man aus, sieht, was funktioniert und was nicht. Das ist sozusagen erzählerischer Darwinismus.

Gibt es etwas was du deinen Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Ihnen natürlich danken. Das klingt banal, aber ohne sie, wäre ich nicht hier. Und in einer Zeit, die immer schneller voranschreitet, zeugt die Tatsache, innehalten, um ein Buch zu lesen, von großem Vertrauen gegenüber dem Autor. Schließlich möchte ich meinen deutschen Lesern, die „Schwarzer Schmetterling“ gelesen und genossen haben, sagen: „ SAGT ES WEITER, ICH BRAUCHE EUCH. Seid meine Botschafter in diesem kulturell so reichen Land wie dem euren.“

Foto: Bernard Minier

Was bleibt mir mehr zu sagen als mich nochmal zu bedanken – beim Autor für seine Zeit und für die interessanten Antworten, bei euch Lesern, dass ich euch die Zeit genommen habt dieses Interview zu lesen. Und wie immer freue ich mich über Feedback, Anregungen und Kommentare🙂

Verwendung der Bilder mit freundlicher Genehmigung des Autors! Danke.