Inhalt:

Deutschlands bekanntester „Profiler“, zu Deutsch „Fallanalytiker“ berichtet erneut aus seinem Alltag: Dabei schildert er fesselnd und ergreifend die Suche nach der Wahrheit, nach dem Täter, nach dem Motiv. Er beschreibt aber auch, wie er es schafft mit der täglichen Belastung seines Berufs fertig zu werden und erklärt, warum er ihn trotzdem liebt. In vier authentischen Fällen beschreibt er die Arbeit als Ermittler, die Abläufe bei Ermittlungen und gibt viele Einblicke in die tatsächliche Polizeiarbeit, fernab von Hollywood Charme und jeder Idealisierung des Berufes.

Kritik:

Schon das Vorwort dieses Buches spannend. Axel Petermann erklärt dem Leser, wie er mit seinem Beruf und den draus resultierenden Belastungen umgeht und versucht den Begriff des „Bösen“ näher zu bringen. Sehr eindrucksvoll, da man den inneren Zwispalt des Autoren gut herauslesen kann: ein Leben zwischen Trauer, Abscheu, Faszination und dem Versuch Distanz zu den Tätern und Opfern zu schaffen, um die Objektivität der Ermittlungen möglichst nicht zu gefährden. Verblüffend ehrlich.

Sehr gut hat mir gefallen, dass Axel Petermann versucht auf jegliche Wertung der Tat oder der Täter zu verzichten, auch wenn er zugibt, dass es nicht immer möglich ist objektiv zu bleiben. Indirekt kritisiert er damit wohl auch die Art und Weise wie die Medien durch emotionsgeladene Schlagzeilen aufhetzen und Schicksale ausschlachten.

Insgesamt 4 Fälle schildert der Autor schonungslos, ehrlich, direkt, ohne Effekthascherei. Dabei gibt er nicht nur Einblick in den Polizeialltag, sondern auch in seine Gefühlswelt sowie die Schwierigkeiten mit denen jeder Ermittler und jedes Team zu kämpfen hat. Petermann erklärt sowohl Fachbegriffe des der Polizeiarbeit, wie z.B. den Hauptsachbearbeiter, als auch Polizeijargon. (Was ist ein MB?). Ein wesentlicher Bestandteil des Buches sind natürlich die Arbeitsschritte der Fallanalyse und die Entwicklung der Täterprofile, bzw. Petermanns Weg zum Fallanalytiker.

Die Fälle selbst stammen aus unterschiedlichen Zeiten seiner über 30 jährigen Karriere bei der Polizei, die vom einfachen Ermittler über den Leiter der Mordkommission, bis hin zum Fallanalytiker als Gründer und Leiter der Dienststelle „Operative Fallanalyse“ in Bremen, reicht.

Das Buch ist im Präsens, aus der Ich-Perspektive erzählt. Wer hier einen sprachlich ausgefeilten Roman erwartet wird enttäuscht werden. Der Autor ist in erster Linie Polizist: Detaillierte Beschreibungen, wenig Floskeln, keine blumige Erzählweise. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Inhalt, und der hat es in sich: Interessant, spannend, informativ und vor allem beängstigend. Das Wissen, dass es sich hierbei um echte Fälle handelt und nicht um Fiktion, lässt einen diese Buch mit anderen Augen lesen als jeden Krimi.

Ein bisschen schade fand ich, dass manche Informationen doppelt erzählt wurden, statt eventuell noch auf ein paar neue Details einzugehen. Aber vielleicht darf man auch einfach nicht zu viele Tricks verraten..😉

Im Epilog gibt Petermann zu, dass es nicht nur für die Angehören, sondern auch für die Ermittler schwer ist, wenn ein Fall nicht gelöst werden kann, dass einen diese Fälle nie los lassen. Gerade auch bei unklaren Sterbefällen werden Ermittlungen besonders intensiv geführt, manchmal viele Jahre lang. Denn: „Mord verjährt nicht, nicht vor dem Gesetz und auch nicht im Bewusstsein der Ermittler.“ (Zitat, S.315)

Fazit:

Absolut Lesenswert. Dieses Buch ist unglaublich spannend, obwohl auf jegliche Form von Effekthascherei und Gefühlsduselei verzichtet wird. Trotzdem gingen mir die Geschichten der Opfer, aber auch die der Täter sehr Nahe, so dass ich tatsächlich die einzelnen Fälle nicht direkt hintereinander weg lesen konnte. Die Informationen sind vielfältig, interessant und liefern auch nach dem Lesen noch einigen Stoff zum Grübeln. Natürlich kein literarisches Meisterwerk, aber das soll es auch gar nicht sein. In jedem Fall empfehlenswert für jeden, der an realistischen Schilderungen von Polizeiarbeit interessiert ist.

5/5 Sternen

Axel Petermann – Im Angesicht des Bösen
erschienen 2012,  rowohlt Verlag
315 Seiten
14,95 € (Broschiert)