Eine kleine Geschichte, die aus einem einfachen, spontan Kommentar zum Thema
„Mord mit Goldfischglas“
geboren wurde. Viel Spaß damit🙂

Es war einmal ein bedeutender Mann, nennen wir ihn Theobald, der nur ein großes Hobby hatte: Goldfische.Er gab Jahr für Jahr große Teile seines Vermögens für Fische, Teiche, Aquarien, Dekoration und so weiter aus, um seinen kleinen Freunden ein schönes, möglichst langes und vor allem abwechslungsreiches Leben zu bieten. Das dieser Aufwand bei Goldfischen (die ja bekanntlich nur ca. 7 Sekunden Erinnerungsvermögen haben*) gar nicht nötig gewesen wäre ließ er dabei außer Acht. Theobald war  – grob geschätzt –  53 Jahre alt, seit fast 30 Jahre mehr oder weniger glücklich verheiratet und hatte zwei Kinder. Seine Frau Margarethe teilte seine Leidenschaft für Fische nicht im geringsten. Auch sonst war das Feuer zwischen den beiden längst erloschen, sofern es denn je gelodert hatte. Wahrscheinlicher war eine kurze Phase ausgesprochen fruchtbarer Glut, denn ihre beiden Sprösslinge, Lukas (29) und Ruth (28), erblickten kurz hintereinander das Licht der Welt. Da Margarethe sich selten bis nie über das Hobby ihres Mannes beschwerte, verzichtete er darauf sie gegen ein jüngeres Modell einzutauschen, das womöglich weniger genügsam gewesen wäre. Theobald ermöglichte seiner Frau im Gegenzug ein sorgenfreies und recht bequemes Leben und so nahm sie seinen Spleen gern in Kauf. Alles in allem waren beide mit ihrer Situation – landläufig bekannt unter Ehe – zufrieden.

Nachdem Margarethe also lange Jahre liebevoll ihre Kinder großgezogen und sie bestens versorgt hatte, dankten diese ihr das nun mit regelmäßigen Anrufen zu besonderen Festtagen – Weihnachten, Geburtstag. Muttertag und seltenen Besuchen . Der Nachwuchs war aus dem Haus und Margarethe hatte endlich Zeit sich ihren eigenen Hobbys zu widmen. An erster Stelle stand zeitgenössische Malerei. Mitunter wurde gemunkelt, dass ihr Interesse mehr den Künstlern, als den Gemälden selbst galt, aber diesen Unterstellungen wollen wir uns gar nicht weiter widmen. Alles in allem war Margarethe eine freundliche Person, eine liebe Mutter und relative brave Hausfrau, die für den weiteren Verlauf der Geschichte keine Rolle spielt, der Vollständigkeit halber aber erwähnt werden sollte.

Eines Montag Morgens, als Theobald gerade die zweite Tasse Kaffee trank und dabei seine Lieblingszeitschrift las, die er selbstverständlich abonniert hatte, erregte ein Artikel seine Aufmerksamkeit. Besagtes Magazin, eine international anerkannte Zeitung für Goldfischfreunde schrieb einen Wettbewerb aus, bei dem der „Aller, aller, aller Beste“ Goldfischbesitzer gekürt werden sollte: Kreativität bei der Aquarienausstattung, Anzahl der Fische, Gesundheit der Tiere, Züchtungserfolge usw. usf. sollten bei der Bewertung eine zentrale Rolle spielen.

Unser Mann von Rang und Namen war sogleich Feuer und Flamme und machte sich ans Werk: Die Aquarien wurden geschrubbt, die Filter gewechselt, die Fische mit extra Farbfutter auf Hochglanz gefüttert, die Teiche gereinigt, die Zucht vorangetrieben. Kurzum, Theobald hatte viel zu tun.

Nachdem alle Aufgaben erledigt waren lud er die Jury, bestehend aus sieben Goldfischexperten aus aller Welt, in sein Heim ein. Am Tag der Besichtigung, erlebte Margarethe ihren Theobald aufgeregt wie seit der Geburt des ersten Kindes nicht mehr. Strahlend präsentierte er den fachsimpelnden Herren seinen ganzen Stolz und führte sie eifrig erklärend über seinen Besitz. Er wähnte sich siegessicher, als er jedem einzelnen Jurymitglied nach seiner zweistündigen Führung die Hand schüttelte und die Männer unter vielen Verbeugungen zu ihren Wägen geleitete.

Voller Spannung erwartete Theobald die übernächste Ausgabe des Magazins (die Zeitung erschien vierteljährlich) in der die Gewinner bekannt gegeben werden sollten. Endlich kam der große Tag. Theobald riss dem Postboten, einem lustigen Mann Mitte 30, der von diesem Angriff völlig überrascht wurde, die Zeitschrift fast aus der Hand und starrte mit großen, erwartungsvoll aufgerissenen Augen auf das Cover. Ebenso groß wie die Vorfreude, war dann auch die Enttäuschung: Theobald hatte es nur auf Platz zwei geschafft. Es gab tatsächlich einen noch größeren Narren (Verzeihung) Goldfischfreund auf dieser Welt.

Theobald starrte verwirrt auf die Zeitung. Der Briefträger warf eilig die übrige Post in den Briefkasten und suchte schleunigst (und erleichtert, dass Theobald ihm nicht noch mehr Schaden zufügen wollte) das Weite. Wie in aller Welt war das Möglich? Tränen stiegen Theobald in die Augen und als er die Haustür erreicht hatte schluchzte er hemmungslos. Er schnäuzte sich zwei mal in sein braun – blau kariertes Stofftaschentuch und schloss die Haustür. Im Wohnzimmer, dass etwa um 1980 vielleicht einmal modern gewesen war, lies er sich auf eine ausgediente Ledercouch fallen und begann den Artikel zu lesen. Und mit jeder Zeile, die er las wurde er zuerst trauriger, dann zornig und immer zorniger. Als er am Ende des Berichts angelangt war, kochte er fast vor Wut. „Was bildetet sich dieser aufgeblasene Schnösel von einem Möchtegerngoldfischfreund eigentlich ein, ihn, Theobald den Dritten von Rang und Namen, zu besiegen? Was bildete sich diese idiotische, scheinbar völlig fachfremde und unwissende Jury eigentlich ein, den falschen zum Sieger zu küren? Hatten diese Hampelmänner den gar keine Ahnung von ihrem Geschäft?“ In seinem Zorn nannte er die sieben Herren noch einige unflätige Namen, auf die wir hier nicht näher eingehen wollen. Theobald erwog sogar kurz den Gedanken, sein Abonnement zu kündigen und einen unverschämten Brief an die Redaktion zu schreiben, als ihm etwas in den Sinn kam.

Seiner Wut entsprang ein Plan, so gemein, hinterlistig und bösartig, wie ihn sich nur ein verzweifelter Hobbytierfanatiker ausdenken konnte. Er machte sich sofort ans Werk. „Was du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf Morgen“, dachte Theobald, während er schon nach den Autoschlüsseln griff und sich auf den Weg in das nächste Hausfischfachgeschäft machte. Dort erwarb er ein besonders schönes, seltenes und teures Goldfischglas, mundgeblasen, mit Goldumrandung und Glasgravur. Anschließend folgte ein kurzer Abstecher, zu einem etwas zwielichtigen Freund und die Vorbereitungen waren abgeschlossen.

Theobald ließ dem Sieger dieser hart umkämpften Branche (es gab ganze 5 Teilnehmer) dieses besonders schönes Goldfischglas zu kommen. Angeblich um ihm zu seinem überragenden Sieg zu gratulieren. Die Verpackung des Glases (ein, wie man zugeben musste, besonders schöner Karton) war jedoch mit einem Kontaktgift präpariert, dass bei Berührung zum fast sofortigen Tod führen musste. Natürlich war das Glas noch in einem zweiten Karton verpackt, für den Versand, denn weder der Postbote noch etwaige Familienmitglieder sollte gefährdet werden.

Das Schicksal nahm seinen lauf und es kam, wie es kommen musste: Der Postbote überbrachte die gefährliche Fracht. Siegbert nahm das Paket leicht verwundert in Empfang und las als Erstes den oben auf liegenden Brief:

Sehr geehrter Siegbert,

Ich gratuliere ganz herzlich zu Ihrem Erfolg und hoffe, dass mein Geschenk Ihnen und Ihren kleinen Lieblingen noch lange Freunde bereiten wird. Über eine Möglichkeit zum regen Austausch über unser gemeinsames Hobby würde ich mich sehr freuen.

Hochachtungsvoll Theobald.

Voller Vorfreude riss er nun das Paket auf und war sehr angetan von  der Fairness des Zweitplatzierten. Siegbert hob die Verpackung des Goldfischglases hoch und bewunderte das schöne Glas. Mit dem festen Vorsatz sich gebührend bei Theobald zu bedanken, sackte er in sich zusammen, lies den den Karton langsam in die Verpackung zurück sinken und starb innerhalb weniger Minuten. Der ortsansässige Arzt, ein etwas älterer, schon leicht seniler Mann, diagnostizierte einen Herzinfarkt und Siegbert wurde unter Tränen seiner Freunde und Verwandten zu Grabe getragen.

Einige Zeit später erreichte nun auch unseren Theobald, der aufgrund Siegberts Dahinscheidend zum nachrückenden Goldfischkönig geehrt worden war, ein Paket, von einer ihm wage bekannten Adresse. Er öffnete rasch die Verpackung und hielt alsbald den Karton eines besonders schönen Goldfischglases in den Händen. Anbei fand er eine Karte:

Lieber Theobald,

herzlichen Dank für Ihr schönes Geschenk. Leider konnte sich mein Mann nicht lange daran erfreuen. Er erlitt während des Auspackens einen Herzinfarkt und verstarb. Wir haben die Goldfische verkauft und nun keine Verwendung mehr für das schöne Glas. Daher hielten es nur für richtig, Ihnen das kostbare Geschenk wieder zurück zu schicken. Ich habe es auch bestimmt nicht angefasst, sondern lediglich die Umverpackung wieder verschlossen.

Hochachtungsvoll Die Witwe.

Und die Moral von der Geschicht? Selbst ein perfektes Verbrechen lohnt sich nicht!

*Der wahrheitsgehalt dieser Aussage sei dahin gestellt. Auf den Verlauf der Geschichte hat das Erinnerungsvermögen der Goldfische keine Auswirkung. Fiktion muss sich aber Gott sei Dank nicht mit Tatsachen herumschlagen, sondern kann ihr Universum selbst erfinden.

PS: Wer Fehler findet darf sie behalten, oder mich einfach freundlich darauf hinweisen ;)