Anthony und ich

Lesung mit Anthony Horowitz und Johannes Steck, moderiert von Anette Lippert, im Rahmen des 10. Münchner Krimifestivals.

Seit Wochen habe ich mich auf den gestrigen Abend gefreut: meine erste richtige Lesung. Ich war gespannt, was mich erwarten würde.

Gegen 17:30 Uhr kam ich am Pathologischen Institut an, meine drei Begleiterinnen warteten schon auf mich. Der Einlass ging zügig und reibungslos, und da wir uns so zeitig eingefunden hatten, konnten wir uns einen guten Platz sichern: mittig, in der dritten Reihe.

Das Erste was ich wahrgenommen habe war der leicht heruntergekommene Saal an sich: vergilbte Wände, abgebröckelter Putz, angeschlagene Sitzreihen. Zwei steile Steintreppen, mit hohen, unregelmäßigen Stufen, führten von oben herunter und leiteten die Zuhörer in die Holzbänke. Typisch Vorlesungssaal, dachte man. Bis man dann den Blick auf die Saalmitte richtete: gefliester Boden, Das Holz der untersten Bänke durch Marmor (oder was auch immer) geschützt, ein Ablauf im Zentrum und an der Front ein ausrangierter Sektionstisch, auf dem drei Mikrophone standen. Dahinter eine, von roten Strahlen beleuchtete, Tafel, auf der Krimi-Festival Plakate befestigt waren. Alles in allem eine tolle Atmosphäre.

Hörsaal im pathologischen Institut

Pünktlich um 18 Uhr wurden wir begrüßt von Prof. Dr. med. Dr. med. habil Matthias Graw, dem Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der LMU.

Dieser erzählte uns zuerst ein paar interessante Details aus dem Alltag der Pathologen. So kommen z.B. an arbeitsintensiven Tagen zwischen 12 und 16 Leichen auf den Tisch und wollen „versorgt“ werden. Eine Routineautopsie dauert in etwa 45 Minuten. Im Vergleich dazu, so erklärte uns Prof. Dr. Graw, nahm eine Obduktion im vorigen Jahrhundert noch fünf bis sechs Stunden in Anspruch. Ein kleiner historischer Überblick über die Geschichte der Rechtsmedizin offenbarte uns interessante Fakten: So gab es die ersten Ansätze für Autopsien schon vor 500 Jahren in Rom. Des weiteren waren die Deutschen Vorreiter auf diesem Gebiet und verfassten die ersten wissenschaftlichen Werke. Wer also in die Tiefen der Pathologie eintauchen möchte, der sollte der Deutsche Sprache mächtig sein. Erst in den letzten 50 Jahren wurde begonnen die Werke in andere Sprachen, vor allem ins Englische zu übersetzen. Die Bibliothek der medizinischen Fakultät ist umfasst so ziemlich alle Literatur, die zu diesem Thema je geschrieben wurden.

Prof. Dr. med Dr. med habil Matthias Graw

Das große Thema des etwa 20 minütigen Vortrags waren Organ- bzw. Gewebespenden. Dabei erfuhren wir, dass Organe nur entnommen werden dürfen, wenn bei dem Patienten der Hirntod festgestellt wurde. Durch moderne medizinische Apparate können diese Organe allerdings noch weiter am Leben erhalten werden, was Empfängern solcher Spenden natürlich sehr zu Gute kommt. Prof. Dr. Graw schilderte uns die Empfindungen solcher „Geretteten“ sehr überzeugend. Auch die Angst mancher potentieller Spender, dass man eventuell weniger medizinische Hilfe bekäme, wenn man als möglicher Organlieferant zur Verfügung stünde, konnte Dr. Graf dezimieren: Die Explantationsärzte sind völlig unabhängig vom Prozess der Feststellung des Hirntods, das ist auch gesetzlich so festgelegt. Dies übernimmt der jeweils behandelnde Arzt. Gerade bei Unfällen ist die Rechtsmedizin gefragt, um z.B die Schuldfrage zu klären. Bei potentiellen Spendern gilt es auch zu entscheiden, ob die Klärung der Sachlage oder die mögliche Organspende vorrangig ist.

Mittlerweile sind auch Gewebespenden verstärkt ein Arbeitsbereich in der Pathologie. Während der Obduktion können so z.B Hornhäute, Knochen, Sehnen, oder sogar Haut entnommen und entsprechend präpariert werden, um später bei einem anderen Menschen eingesetzt zu werden. Dr. Graw forderte uns auf noch einmal darüber nachzudenken, ob wir nicht – im Falle eines Falles – als Spender fungieren wollen würden. Gerade auch die Hinterbliebenen jung verstorbener können einen Nutzen für die eigene Trauerarbeit daraus ziehen, wenn durch den Tod eines geliebten Menschen einem Anderen geholfen werden kann.

Im übrigen: Rund 80% des Organ- und Gewebebedarfs in Deutschland kann durch innerdeutsche Spenden gedeckt werden. Das ist natürlich auch für die Empfänger von großem Vorteil, da die gesetzlichen Kontrollen in Deutschland um ein vielfaches höher sind, als in anderen Ländern, aus denen Organe unter Umständen importiert werden müssen.

So gut wie Quincy und Co. sind unsere Rechtsmediziner leider nicht – sie können nicht durch ein Mikroskop blicken und feststellen, dass der Tote vergiftet wurde. Aber wer weiß, vielleicht lernen sie es ja noch😉
Paradox: Bei Sherlock Holmes spielte die Gerichtsmedizin eigentlich nie eine Rolle😉

Nach dieser durchaus interessanten Einführung kam nun aber der Hauptakt des Abends: Die von allen mit Spannung erwartete Lesung.

Anthony Horowitz

Die Moderatorin Anette Lippert stellte uns den Autoren kurz vor.  Anthony Horowitz, geboren am 5. April 1956, in Stanmore, Middlesex, UK, ist ein bekannter Jugendbuchautor (vor allem seine Reihe um Alex Rider). Er veröffentlichte bisher 34 Bücher, schrieb an unzähligen Drehbüchern mit (u.a Inspector Barnaby, Agatha Christies Poirot) und brachte mit „Das Geheimnis des weißen Bandes“ seinen zweiten Erwachsenenroman heraus. Der Erste war – wie er selbst zugibt – nur mäßig erfolgreich. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen schreibt Horowitz seine Manuskripte per Hand und überträgt sie erst später in den PC.

Anthony Horowitz wirkt auf den ersten Blick eher unscheinbar, sogar zurückhaltend, dem Alter entsprechend mit leicht schütterem Haar, saß er – umrahmt von Frau Lippert und Herrn Steck – am Tisch. Aber schon nach kurzer Zeit schließt man ihn ins Herz: aufgrund seines gewinnenden Wesens, der sympathischen Art und des großartigen Humors, den er an den Tag legt. Wir haben sehr oft und sehr herzlich gelacht.

Eine der ersten Fragen von Frau Lippert bezog sich auf das Gerücht, dass Anthony Horowitz einen menschlichen Schädel besitzen solle. Und tatsächlich: Auf seinem Schreibtisch steht ein solcher. Er hat ihn sich mit 13 zum Geburtstag gewünscht – und auch bekommen. Wobei er sich selbst die Frage stellt was seltsamer war: Dass er mit 13 einen menschlichen Schädel wollte, oder dass seine Mutter ihm einen geschenkt hat. Dieser Totenkopf treibt ihn aber an beim Schreiben, er soll ihn daran erinnern, dass das Leben vergänglich ist und es immer noch viel zu tun gibt.

Auch einer richtigen Obduktion durfte der Autor bereits beiwohnen. Sehr stolz ist er auf seine Leistung, dass ihm nicht schlecht wurde, als ihm der Professor ein Gehirn unter die Nase gehalten hat, um ihm die Schönheit dieses Organs zu demonstrieren. Erst das im Anschluss stattfindende Abendessen, bei dem der Arzt Leber bestellte, war zu viel für den Magen😉

Damit gerechnet, dass er je einen Sherlock Holmes Roman schreiben dürfte, hatte Anthony Horowitz nie. Eigentlich ist er auch kein Fan solcher „Fortsetzungsromane“ die auf Figuren anderer beruhen. Aber er ist ein riesen Fan von Sir Arthur Conan Doyle und Sherlock Holmes. Als er von der Gesellschaft also gefragt wurde, ob er dieses Buchschreiben wollen würde, musste er sehr lange nachdenken – etwa eine Minute – bis er „ja“ sagte. Warum er ausgewählt wurde weiß er allerdings nicht. Vielleicht, weil er als Jugendbuch Autor auch ein jüngeres Publikum für Holmes interessieren kann, vielleicht auch weil er aufgrund seiner Arbeit als Drehbuch- und Krimiautor schon einiges an Erfahrung im Bereich kriminalistischer Literatur vorweisen kann.

Für Horowitz war Sir Arthur Conan Doyle ein Genie. Die Art wie er diese zwei gegensätzlichen Charaktere von Holmes und Watson vereint ist – in seinen Augen – einzigartig. Oft kopiert und nie erreicht: Der distanzierte, schweigsame Holmes, der immer alles besser weiß und der liebenswerte, warmherzige, leicht naive Dr. Watson. Schon als Jugendlicher war er Doyles Werken verfallen, die ihm sein (nicht ganz so exzentrischer) Vater zum Geburtstag schenkte.

Ebenfalls fasziniert war er von James Bond. Die Filme haben ihn durch seine wenig schöne Schulzeit begleitet und ihm geholfen diese Zeit durchzustehen. James Bond (und vor allem Roger Moore in der Rolle als alternder Geheimagent) dienten als Inspiration für seine Figur „Alex Rider“. Er wollte einen jungen Geheimagenten, keinen der seine Waffen künftig im Rolator versteckt.😉 Horowitz hat sich auch immer gewünscht ein Bond Drehbuch schreiben zu dürfen. Bisher wurde er aber leider nicht gefragt. – vielleicht erfüllt sich dieser Traum ja noch. Wir würden es ihm wünschen.

Zu den Lieblingsschriftstellern des Autors gehören vor allem solche des 19. Jahrhunderts. u.A Charles Dickens und George Gissing. Dabei ist es aber weniger die Epoche an sich, die ihn fasziniert, als vielmehr die Art des Schreibens: Das Zusammenspiel aus Gesellschaft, Politik und Emotionen.

Lesung

Nun kam es zur wichtigsten Frage des Abends: Wie war es als Arthur Conan Doyle zu schreiben?
Anthony antwortete darauf, dass er in erster Linie unsichtbar bleiben musste. Er musste seinen eigenen Schreibstil sozusagen aufgeben und sich an Doyle orientieren, anpassen. Dabei galt es ein paar Regeln zu beachten:
1: „No Girls“. Es gab nie eine Frau an Holmes Seite, nie eine Frau in seinem Leben (mit Ausnahme von Irene Adler) und so sollte es bleiben.
2: „No real Charakters“. Ganz egal ob fiktionale oder echte Personen, s sollte kein Zusammentreffen mit bekannten Persönlichkeiten geben. In einigen Holmes Weiterführungen trifft der Held auf Queen Victoria, Jack the Ripper, oder gar Dracula. Für Horowitz ein absolutes No-Go.
3. Er musste versuchen den Stil von Doyle zu durchschauen. Zu diesem Zweck las er den gesamten Kanon (4 Romane, 54 Kurzgeschichten), übte die Formulierungen und versuchte sich in die Sprache Doyles einzufühlen.

Die USA als zweiten Handlungsort, neben London, wählte Horowitz, zum Andenken an Sir Arthur Conan Doyle, da dieser von Amerika fasziniert gewesen war. Er wollte ihm damit die Ehre erweisen.

Trotz aller Anpassung wollte Horowitz kein Sklave der alten Geschichten sein, sondern etwas eigenes kreieren. Deswegen ist Dr. Watson in seinem Buch um einiges älter, als in den bekannten Geschichten. Er erzählt nicht mehr als Erlebender, sondern mit großem Abstand zu den Ereignissen. Daher hat er einen ganz anderen Blick auf die Geschehnisse, er kann sie anders reflektieren. zum Beispiel auch im Bezug auf die Baker Street Gang, und die Armut der Jugendlichen.

Ein weiterer Unterschied ist die etwas actionreichere Handlung, z.B eine Kutschen Verfolgungsjagd (übrigens eine Szene die er schon immer mal schreiben wollte) ,die zum einen auch ein jüngeres, ungeduldigeres Publikum ansprechen soll, zum Anderen auch an die aktuelle Zeit angepasst ist. Allerdings bleibt es – Gott sei Dank – bei sehr moderaten Actionszenen, im Gegensatz zu den Holmes Verfilmungen, in denen der Held schon mal über Dächer springt.

In kleinen, fast unscheinbareren Szenen, stellt Horowitz viele Bezüge zu anderen Holmes Fällen her. Für den Fan der Bücher ein wahrer Genuss. Trotz überwiegend positivem Feedback gab es auch negative Kritik: Vor allem von den Sherlokianern, bzw. Holmesianern. Im Epilog wird erwähnt, dass Holmes zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches bereits tot sei. Die hartgesottenen Fans waren darüber „not amused“, obwohl es doch eigentlich ganz logisch ist, dass ein Mensch irgendwann sterben muss. Nun, vorher hatte das wohl noch niemand so direkt ausgesprochen, dass auch ein Sherlock Holmes nicht unsterblich ist.

Eine große Schwierigkeit beim Schreiben war die Auflage, dass der Roman über 90.000 Zeichen haben sollte, da die modernen Krimi-Leser an Bücher dieses Umfangs gewöhnt sind. Die originalen Werke umfassten aber lediglich 45.000 Wörter. Für Horowitz war schnell klar, dass er nicht nur eins, sondern eigentlich zwei Bücher würde schreiben müssen, deren Handlungen sich am Ende, möglichst unvorhersehbar, überschneiden. Meiner bescheidenen Meinung nach ist ihm das auch sehr gut gelungen.

Derzeit arbeitet der Autor übrigens am Drehbuch zu Tim und Struppi 2, leistet andernorts Filmarbeit und schreibt an einem weiteren Roman, der im 19 Jahrhundert spielen wird. Leider möchte er keinen zweiten Holmes Pastiche verfassen. Er ist der Meinung, dass keiner mehr so gut gelingen könnte wie der Erste.
Allgemein bearbeitet Horowitz zumeist vier bis fünf Projekte gleichzeitig, u.A. auch für seine Frau. Sie, selbst Produzentin, ist der einzige Mensch, der ihn Morgens aus dem Bett werfen und zur Arbeit antreiben kann. Gerade eben hat er das letzte Buch für die Reihe „Fünf Tore“ beendet. Ein Werk mit 200.002 Wörtern. Es ist damit länger als die meisten Harry Potter Bände und wir wollen ihm die Daumen drücken, dass es ähnlich erfolgreich wird!

Johannes Steck

Der Ablauf des gesamten Abends war abwechslungsreich gestaltet. Frau Lippert stellte Fragen an den Autor, zunächst auf Englisch, Herr Horowitz beantwortete diese und anschließend wurde übersetzt. Dazwischen waren die Lesungselemente, ebenfalls erst auf Englisch, dann auf Deutsch.

Ingesamt gab es drei Lesungseinheiten, zweimal beidsprachig, die dritte nur auf Deutsch. Johannes Steck hat, trotz leicht angeschlagener Gesundheit, wunderbar gelesen, sehr ergreifend, fesselnd und intensiv. Hat toll zur Stimmung des Buches gepasst und ich bin überzeugt, dass auch das Hörbuch qualitativ hochwertig ist.

Natürlich waren auch kleine Pannen mit von der Partie – so war Herr Steck vom ersten zu lesenden Text etwas überrascht. Anthony Horowitz las das Vorwort des Romans auf Englisch. Johannes Steck war dies wohl nicht bekannt. Aber ein Buch war schnell organisiert und ein wahrer Profi kann auch improvisieren. In bekannter Manier und gewohnt gut, las nun seinerseits der Deutsche Schauspieler und Sprecher den Text.

Vielen Dank an die Organisatoren des Krimi-Festival. Es war ein toller Abend. Vielen Dank auch an die Buchhandlung Glatteis. Schade nur, dass es zu wenig Englische Ausgaben gab. Dort findet man nämlich am Anfang ein „unlösbares Rätsel“:

12, 13, 14 ASH

Leider hat uns der Autor die Lösung nicht verraten, aber vielleicht kommt ja jemand drauf. Es macht übrigens nur im Englischen Sinn😉

Ein Autogramm konnte ich natürlich am Ende auch noch ergattern😉

Mein Fazit des Abends:

Tolle Stimmung, sehr sympathische Gastgeber (Moderatorin, Autor und Sprecher) und viel Humor. Ein in jeder Hinsicht gelungener Abend. Ich bin nun definitiv Fan dieses Autors, ein noch größerer Fan von Johannes Steck als vorher und freue mich auf das Krimi-Festival im nächsten Jahr. Ich bin ganz sicher wieder – bei der ein oder anderen Veranstaltung – dabei.

Signatur🙂